Feministischer Master-Plan zur Entmannung der Gesellschaft?

Interview mit Dr. Albert Wunsch

Wer Jungen systematisch ruhig stellt, sät Verstörtheit und Aggression! Eindrücke und Impulse vom 3. Männerkongress der Uni Düsseldorf im Interview mit Dr. Albert Wunsch. 

Unter der Überschrift „Angstbeißer, Trauerkloß, Zappelphilipp ? Seelische Gesundheit bei Männern und Jungen“ fand von 19. – 20. September der Männerkongress 2014 in der Universität Düsseldorf statt. Heiderose Manthey von ARCHEVIVA & ARCHEZEIT bat den Erziehungswissenschaftler und Psychologen Dr. Albert Wunsch – selbst zum Lehrkörper der Uni Düsseldorf gehörend – im Anschluss an diesen nunmehr dritten Männerkongress um einige Eindrücke aus seiner Teilnehmersicht.

Welches erstes Fazit ziehen Sie nach diesen 2 Tagen mit gut 20 hochkarätigen Fach-Impulsen ?

Es war ein grandioses Informations-Feuerwerk, welches die jeweiligen Referenten bzw. Referentinnen den ca. 200 Teilnehmern und Teilnehmerinnen geboten haben. Ich habe mir reichlich Notizen gemacht und mich bei der Input-Verarbeitung wie in meinen Studienjahren gefühlt. Vieles muss sich noch setzen. Etliche Konkretisierungen erwarte ich, wenn die Referenten ihre Materialien für die Teilnehmer veröffentlicht haben. Denn viele Beiträge waren so komprimiert, dass eine exakte Nacharbeit unumgänglich ist. Was ich aber jetzt schon sagen kann, die Teilnahme hat sich sehr gelohnt und mir reichlich neue Ansatzpunkte und Sichtweisen für meine Arbeit gegeben, nicht nur im Umgang mit Männern.

Was springt Ihnen denn aus Ihrer Erinnerung als erstes entgegen ?

Da bin ich sofort beim Eingangsreferat von Prof. Dr. Walter Hollstein (Basel) mit dem recht provokanten Titel: „Die Enteignung des Phallischen“. Er berichtete von einigen Begebenheiten, welche verdeutlichten, wie Buben ihres Lebensraumes beraubt und an einer artgerechten Entwicklung gehindert werden. Da bastelte ein ca. 5jähriger mit seinem Vater zum Wochenende voller Enthusiasmus ein – vom Sohn schon lange ersehntes – Holzschwert und die Erzieherin verunglimpfte Kind und Vater, weil sie Kriegswerkzeug hergestellt hätten. Da veranlasst die Leiterin einer Schule in Basel, die Markierungen für die Ballspielfläche auf dem Schulhof aufzuheben, weil die Jungen in der Pause besser miteinander reden sollten, das wäre auch gesünder. Da gestaltet eine Lehrerin in Brandenburg den Sportunterricht für 12 – 14jährige Jungen und Mädchen, indem sie Schleiertänze einüben lässt. Und eine andere Sportlehrerin lässt beim Basketball den Jungen einen Arm auf den Rücken binden, um den Mädchen auch eine Gewinnchance zu geben. Für diejenigen im Hörsaal, welche in diesen Beispielen noch keine Enteignung des Phallischen erkennen konnten, verwies Prof. Hollstein darauf, dass die amerikanische ProfessorinFeministinund politische Aktivistin der Lesbenbewegung sowie Science-Fiction-Autorin Sally Gearhart schon 1979 bzw. 1982 dafür plädiert hatte, die männliche Bevölkerung auf 10 % der Gesamtbevölkerung zu reduzieren. Nicht solange und etwas anders akzentuiert liegt der ultimative Aufruf der Amerikanerin „Krista“ zurück, bekannt geworden als “The Femitheist”, die – anstelle des bisherighen Vatertages – zum „Internationalen Kastrations-Tag“ aufrief, um durch eine Entfernung der Hoden die Hauptursache für das gewalttätige Verhalten von Männern zu beseitigen, weil sie an die wahre Gleichheit glaubt. Solche Absichten machen verständlich, so der Referent, dass – z.B. in Schweden immer mehr Männer Tai-Frauen heiraten und um – stark durch ein falsch verstandenes Emanzipationsbewusstsein geprägte – schwedische Frauen einen Bogen machen.

Da wurde aber den TeilnehmerInnen eine recht schwer verdauliche Kost präsentiert. Wie führte Prof. Hollstein diese Gedanken denn noch weiter aus ?

Hier eine sinngemäße Wiedergabe seiner Hauptausführungen: ‚Es entspricht inzwischen dem Zeitgeist, Männlichkeit nur noch mit den negativen Assoziationen von GewaltKrieg, Naturzerstörung, sexueller Belästigung und Missbrauch zu verbinden. Auch einstmals positive Qualitäten von Mannsein werden mittlerweile gesellschaftlich umgedeutet. Männlicher Mut wird als männliche Aggressivität denunziert, aus Leistungsmotivation wird Karrierismus, aus Durchsetzungsvermögen männliche Herrschsucht, aus sinnvollem Widerspruch männliche Definitionsmacht und das, was einst als männliche Autonomiedurchaus hochgelobt war, wird nun als die männliche Unfähigkeit zur Nähe umgedeutet. Angesichts eines profeministischen Mainstreams in Politik, Wissenschaft und Medien bleibt dies unbedacht, mit verheerenden Folgen für die männliche Identitätsbildung von Buben und jungen Männern’. Er verdeutlicht: Wenn der Mainstream sagt, ‚weiblich ist progressiv’ und ,männlich ist reaktionär’, dann ist das eine systematische Offerte zur Selbstzerstörung der Gesellschaft. Dieser Denkansatz, so Prof. Hollstein, beherrsche schon auf subtile Weise die Medien und verdeutlichte dies an folgendem Phänomen: Als im Frühjahr 2014 mehr als 200 nigerianische Mädchen in die Gewalt der Islamistengruppe Boko Haram gerieten und verschleppt wurden, berichteten weltweit fast alle Medien tagelang über diese grausame Tat. Dass aber einige Zeit vorher – ebenfalls im Norden Nigerias – über 300 männliche Jugendliche durch dieselbe Gruppierung getötet wurden, führte zu fast keiner Berichterstattung.

Können Sie – für die vielen Nicht-Teilnehmer – einen Kurz-Überblick zu den Haupt-Themen dieses Kongresses geben ?

Da springen mir zurückblickend fast alle Überschriften ins Bewusstsein. Sie skizzieren sehr eindrucksvoll die problematische und gestörte männliche Lebenswelt und deren gesellschaftliche Folgen: „Destruktive Impulsivität bei männlichen Jugendlichen – eine therapeutische Herausforderung“, von Dr. Manfred Endres (München); „Seelische Konflikte in der männlichen Entwicklung“, von Dr. Heribert Blass (Düsseldorf); „Männer und das Land der (un)heimlichen Gefühle“, von Dipl.-Psych. Björn Süfke (Leopoldshöhe); „Gut getarnt ist halb gewonnen? Depression bei Männern“, von Prof. Dr. Anne-Maria Möller-Leimkühler (München); „Männliches Leiden an der Arbeitswelt – Ursachen, Folgen, Lösungsansätze“, von Prof. Dr. Johannes Siegrist (Düsseldorf); „Arbeitsstress bei Männern – Möglichkeiten der Prävention”, von Prof. Dr. Peter Angerer (Düsseldorf); „Männerkrankheiten. Bemerkungen zur sozialen Konstruktion psychopathologischer Kategorien“, von PD Dr. Peter Schneider (Zürich); Westdeutsche Männer in stationärer Psychotherapie bis 1990″, von Christoph Schwamm; „Tagesklinik für Männer – Ein teilstationäres Behandlungskonzept“ von
Prof. Dr. Michael Hettich (Sehnde); „Gewalt macht krank. Ein Thema (auch) für Männer?“ von André Karger (Düsseldorf); „Risikolust am Rausch – doing gender with drugs!“, von Prof. Dr. Heino Stöver (Frankfurt a.M.). Das ganze wurde durch 3 alternativ nutzbare Abendveranstaltungen (Großgruppe – mit gruppenpsychoanalytischer Begleitung, Autorenlesung und eine Filmvorführung „Mysterious Skin” mit psychoanalytischer Besprechung) ergänzt.

Welche Themen sprachen Sie, auch auf dem Hintergrund Ihrer eigenen Beratungstätigkeit in den Bereichen Erziehung, Partnerschaft und Konflikt-Coaching besonders an ?

Das waren, zwei noch nicht erwähnte Themenfelder. Einerseits das Referat von Prof. Dr. Matthias Franz, dem Hauptverantwortlichen dieses Kongresses, welches sich differenziert mit der multikausalen Frage beschäftigte: „Was macht den Rollenkäfig (von Männern) so stabil?“ Er verdeutlichte, dass, wenn Kinder ein falsches Selbst erwerben, viele Störungen im weiteren Leben vorprogrammiert sind. So geraten besonders Jungen in eine frühe Abhängigkeit von der Mutter, oft auch deshalb, weil Frauen im Umgang mit der Geschlechtlichkeit des Jungen – wenn auch meist unbewusst – den Bezug zur eigenen Geschlechtlichkeit im Kontakt mit Männern einbringen. Prof. Franz bezeichnete dies als dasmännliche Problem schlechthin, welches noch durch abwesende Väter massiv verstärkt werde. Bezogen auf die angeblich emotions-reduzierten Männer verdeutlichte er, dass diese in Feldern typisch männlicher Identität – wie z.B. im Fußball oder in Schützenvereinen – sehr ausgeprägt Gefühle zeigen könnten. An einer Männerbild-Vorgabe: Bitte lächeln und nicht schwächeln! gehen jedoch auf Dauer viele zugrunde. Dies wird auch durch Zahlen belegt. So sterben Männer im Vergleich zu Frauen ca. 8 Jahre früher, haben eine dreimal höhere Selbstmord- und Drogenabhängigkeits- sowie eine um ein vielfaches höhere Kriminalitäts-Rate. Noch konkreter: Ein Mann aus der Unterschicht lebt 15 Jahre weniger als die Oberschichtfrau, zahlt aber für diese kräftig in die Rentenkasse. Während Frauen unter ihren psychosomatischen Beeinträchtigungen leiden, sterben die Männer. Wenn Mädchen für bessere Schulergebnisse, weniger Schulabbrecher, mehr Abiturprüfungen stehen und Frauen kürzere Studienzeiten und – teilweise durch Quotenregelungen – bessere Berufsein- und Aufstiegs-Chancen haben, dann wird ein Gerede vom ‚schwachen und benachteiligten Geschlecht’ zur Mär.

Bezogen auf meine erziehungsberaterische Arbeit mit Eltern waren die Beiträge von Dr. Bernhard Stier (Butzbach): „ADHS – Warum zappelt Philipp ?“ und der äußerst praxisbezogene Beitrag von Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber (Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt a.M.) zu: „Beschleunigte Jungs- verlangsamte Frauen ? – Ergebnisse empirisch-psychoanalytischer Studien zu ADHS”, für mich sehr bereichernd. Wenn wir uns beispielsweise verdeutlichen, dass von 108 Kindern, welche mit der Diagnose ADHS einer soliden Untersuchung zugeführt wurden, anschließend bei weniger als 10 real ADHS attestiert wurde, dann müsste auch bisher Unbekümmerten klar werden, dass den meisten angeblich überaktiven Kindern keine von wem auch immer eingebrachte ADHS-Diagnose mit anschließendem Ritalin-Einsatz gerecht wird. Zu vielen Kindern fehlt eine täglich mehrstündige körperliche Bewegung. Jungen benötigen ergänzend körperliche Herausforderungen, auch mit Kräftemessen und Risiko. Wer dies nicht – auch in der Schule – gezielt fördert, missachtet eine gesunde und förderliche Geschlechtsentwicklung. Insgesamt wird die – zum Teil ganz natürliche – kindliche Lebhaftigkeit viel zu leichtfertig als Störung bzw. Krankheit bezeichnet. So titelte eine Zeitung: ‘1,1 Tonnen Ritalin zur Ruhigstellung sächsischer Kinder.’ Der Kongress verdeutlichte, dass eine qualifizierte Begleitung von Kindern und Eltern sowie geeignete therapeutische Maßnahmen immer Vorrang vor ruhigstellenden Medikamenten haben müsse. In vielen Fällen würde auch ein konsequent-wohlwollender erzieherischer Umgang weiterführen. Denn wer – vielleicht auch überbordende Energie – leichtfertig abzuschalten sucht, zerstört die Entwicklung von meist kreativen und nicht in eine Schablone pressbare Jungen. Dass eine störende Überaktivität in Verbindung mit Aggression in der Regel keine Ruhigstellung, sondern Aufarbeitung der Ursachen benötigt, wurde von Frau Prof. Leuzinger-Bohleber im Rahmen eines Fallberichtes eindrucksvoll erläutert. So wurde, bei einem anscheinend ‚höchst aggressiven Kind’ in einer KiTa in Frankfurt’ – es spuckte seine Erzieherin direkt ins Gesicht – durch eine exakte Analyse der Lebensumstände deutlich, dass sich das Kind in einer absoluten Überforderungs-Situation befand: Die Mutter war depressiv und lag meist im Bett, der Vater verlor vor einigen Wochen seine Arbeit wegen eines Krebsleidens. Nach entsprechend langer Zuwendung gegenüber dem Kind wurde der Grund des Anspuckens der eigentlich gemochten Erzieherin deutlich: ‚Wenn ich die Frau H. anspucke, weiß ich wenigstens, weshalb ich ins Heim komme’. Welch drastische Kindeswohl-Missachtung mit eklatanten Spätfolgen hätte hier eine medikamentöse Ruhigstellung ausgelöst. Abschließend einige grundlegende Verdeutlichungen der Referenten: ‚Wenn die Eltern von Mozart oder Einstein ihre Söhne per Ritalin ruhig gestellt hätten, was wäre der Menschheit verloren gegangen’ ? „Kinder sollten nicht schulgerecht, sondern Schulen sollten schülergerecht gemacht werden.“ – Ritalin gegen ADHS – Wundermittel oder Kokain für Kinder? Die Fachvertreter gaben eine eindeutige Antwort.

Gibt es aus Ihrer Sicht einzelne Aspekte, welche in Ergänzung zu den bisher aufgegriffenen Themen mit wenigen Worten zu konkretisieren wären?

Ja, die gibt es im Rahmen meiner subjektiven Wahrnehmung. Als erstes springen mir die unterschiedlichen Ansätze und Ergebnisse der feministischen und systemischen Forschungen wieder ins Bewusstsein. So kommen feministische Untersuchungen zu dem Ergebnis, das jede vierte bzw. dritte Frau Gewalt erlebt hat, wobei davon ausgegangen wird, dass diese durch Männer ausgelöst wurde. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums werden rund 37 Prozent aller Frauen zwischen 16 und 85 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von körperlicher Gewalt oder Übergriffen. Systemische Ansätze kommen dagegen zu anderen Ergebnissen, indem sie nicht nur Frauen sondern auch Männer befragen und auch klären, wer gegen wen Gewalt einsetzte. Zu Irritationen führte der Befund, dass in Dänemark ca. 40% der Frauen angaben, Opfer von Gewalt geworden zu sein, während kroatische Frauen auf ca. 20% kamen. Die Frage stand im Raum, ob hier das Gewalt-Verhalten oder die Bewertung von dem, was als Gewalt bezeichnet wird, zu diesen Unterschieden führte? Ein aufhorchen lassender Befund: ‚Es gibt mehr Gewalt von Frauen gegen Männern, als gesellschaftlich bekannt ist und durch die Medien veröffentlicht wird. Unabhängig von einer Geschlechterdifferenzierung: Einerseits macht Gewalt krank und zerstört Beziehungen, andererseits ist Gewalt die Folge fehlender oder negativer Beziehungen.

In Ihrem Buch: Mit mehr selbst zum stabilen ICH – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung“ haben Sie sich auch mit der Bedeutung einer stabilen Kind-Eltern Beziehung auseinander gesetzt. Welche Verbindungen sehen Sie zum hier in der Tagung vorgetragenen Gewaltphänomen ?

Gewalt bei Jugendlichen entsteht, wenn das Selbstbild als gefährdet betrachtet wird und ist in der Adoleszenz meist die Folge schwieriger oder traumatischer Ereignisse in der Kindheit. Wichtig, gerade für Jungen, ist die reale Präsenz des Vaters. Dies ist die sinngemäße Wiedergabe eines Leit-Gedankens von Dr. M. Endres. Auch für mich lassen sich Gewalttaten am ehesten durch einen starken Selbstkontroll-Verlust als Folge fehlender oder zu gering ausgeprägter förderlicher Sozialkontakte erklären. Denn wenn ein Mensch – eventuell schon von Kindesbeinen an – kein ‚warmes Nest’ als Auftank- und Zufluchts-Ort hatte, kann sich aus dieser Frust-Erfahrung ein solches Verhalten entwickeln. Viele Tiere verhalten sich ähnlich wie Menschen: Auf soziale Ausgrenzung bzw. fehlende Einbezogenheit wird entweder mit krankmachendem Rückzug oder einer ausgeprägten Aggression gegen das Umfeld reagiert. Eine sich im stillen Rückzug äußernde Verzweiflung, welche oft durch Alkohol oder andere Drogen zu überwinden gesucht wird, ist jedoch nicht weniger dramatisch, wird nur seltener zur Kenntnis genommen. Im Grunde handelt es sich in beiden Äußerungsformen um einen Not-Schrei aufgrund fehlender Zuwendung und Anerkennung. Das Neue scheint mir jedoch das größere Ausmaß von Gewalt zu sein. So häufen sich die Fälle, während die Anlässe immer weniger nachvollziehbar sind. Gab es vor Jahren meist eine eskalierende Auseinandersetzung, bevor Fäuste, Fußtritte oder sogar ein Messer zum Einsatz kamen, so scheint heute schon ein falsches bzw. falsch gedeutetes Wort oder eine als störend empfundene Geste zum Auslöser von brutalen Gewalt-Attacken zu reichen. In meinen Hochschul-Seminaren verdeutliche ich den Studierenden immer erneut, dass der instabile – also nicht in guten Bindungen lebende Mensch – die Quelle aller Konflikte ist. Wir brauchen mehr Jungen und Mädchen, die sich nicht vom ersten Gegenwind umpusten lassen und sich auch nicht als den Mittelpunkt der Welt sehen. Das kann nur ein stabiles ICH leisten. Alle Menschen müssen besser lernen, mit Spannungen bzw. Konflikten umgehen zu können. Einer Lebens-Devise: ‚Wenn mir schon niemand Beachtung oder Wertschätzung entgegen bringt, dann sollt ihr mich wenigstens fürchten!’ wird somit der Boden entzogen. Denn wer keine Selbstkontroll-Fähigkeiten entwickeln konnte, wird sich kaum von seinem Vorhaben abhalten lassen, machtvoll die eigene Ohnmacht überwinden zu wollen.

Wie ist Ihr persönliches Resümee zu diesem Männer-Kongress?

Ich gehe davon aus, dass alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Wichtigkeit des Themas durch ihr aktives Interesse verdeutlicht haben. Besonders die Forderung von Dr. Blass greife ich hier auf: „Der eher für Jungen typische Drang zu motorischer Bewegung und Expansivität sollte in Kindergarten und Schule nicht unreflektiert mit Aggression gleichgesetzt werden. Jungen brauchen stattdessen eine positive Wertschätzung ihrer nach außen gerichteten Fähigkeiten.“ Auch wurde für mich erneut deutlich, welch gravierende Verwerfungen sich in einer Gesellschaft ergeben, wenn sich Teilbereiche unabgestimmt verändern oder von sich aus traditionelle Rollenmuster im Alleingang außer Kraft zu setzen suchen. Ob sich nun Männer oder Frauen, Alte oder Junge, Deutsche oder Einwanderer ein grundlegend neues Profil geben wollen oder sollten, ohne eine Einbeziehung der Anderen geht es nicht. Ergänzend stelle ich aber auch noch folgende in der Tagung zum Ausdruck gebrachte Fragen hier erneut: Wieso meinen Feministinnen immer noch, sich eine neue Welt ohne ein produktives Zusammenwirken mit Männern schaffen zu können ? Wieso gibt es etliche Sonderegelungen für Frauen, welche gleichzeitig Männer benachteiligen ? Wieso sind in Deutschland Gleichstellungsbeauftragte grundsätzlich Frauen? Und wieso werden diese häufig angegriffen, wenn sie ihrem grundgesetzlich geregelten Auftrag nachkommen, sich auch für die Gleichstellung von Männern zu engagieren ? Wieso gibt es Frauen- und keine Männer-Ärzte ? Wieso gibt es bei einer so deutlichen Problemanzeige von Jungen und Männern nur Frauenministerien ? Wieso gibt es Sonderparkplätze für Frauen und nicht geschlechtsunabhängig für ängstliche Menschen ? Wie sind all diese Fragen mit dem Gender-Grundsatz zu vereinbaren ?

Ich hoffe mit den andern Teilnehmern und Teilnehmerinnen sowie allen Menschen guten Willens, dass dieser Männer-Kongress und die hier aufgeworfenen Fragen zu einem das Zusammenleben fördernden Ergebnis führen. Ich schließe mit einer Mischung aus Verdeutlichung und Appell mit den Worten von Prof. Dr. Walter Hollstein: ‚Der Feminismus und seine Ideologie prägen heute die öffentliche Debatte. Dabei erscheint der Mann als verachtenswerte und defizitäre Gestalt; er wird als schlecht, böse und eigentlich überflüssig dargestellt. Ohne ihn sähe die Welt besser aus. Solche Zuschreibungen beschädigen die Selbstachtung von Jungen und Männern und lassen nicht mehr viel von ihnen übrig. Das hat negative Folgen – auch für die Frauen und die Gesellschaft insgesamt. Eine einseitige Frauenpolitik wird sich daher in nicht allzu ferner Zukunft politisch dafür verantworten müssen, dass sie die Probleme von Jungen und Männern seit zwei Jahrzehnten willentlich ignoriert und damit einen sozialen Zündstoff provoziert, der jetzt schon die Grundfesten der demokratischen Ordnung unterminiert’.

Zu den zentralen Forderungen der Referenten des Männerkongesses

Dr. Albert Wunsch ist Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler, Diplom Pädagoge und Diplom Sozialpädagoge. Bevor er 2004 eine Lehrtätigkeit an der Katholischen Hochschule NRW in Köln (Bereich Sozialwesen) begann, leitete er ca. 25 Jahre das Katholische Jugendamt in Neuss. Im Jahre 2013 begann er eine hauptamtliche Lehrtätigkeit an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen / Neuss. Außerdem hat er seit vielen Jahren einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf und arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Konflikt-Coach (DGSv). Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern.

Seine Bücher: Die Verwöhnungsfalle (auch in Korea und China erschienen), Abschied von der Spaßpädagogik, Boxenstopp für Paare und Mit mehr Selbst zum stabilen ICH – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung, lösten ein starkes Medienecho aus und machten ihn im deutschen Sprachbereich sehr bekannt.

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