Smartphone & Co. bedrohen 300.000 Kinder

Wenn Hightech-Geräte zum Suchtmittel werden und zu viele Eltern wegschauen – von Albert Wunsch

160102 Beitrag Wunsch FS

Smartphones verhindern offenkundig den Kontakt, statt ihn zu fördern. Foto: flickr.com/Esther Vargas: Smartphones

Kaum aus der Schule, dem Kino oder der Dusche – sofort muss aufs Handy oder Smartphon geschaut werden. Wo befindet sich das High­tech-Teil wenn es nach der Regel des Nachwuchses geht beim Essen oder den Hausaufgaben? In Sichtweite. Sie wollen sich mit Sohn oder Tochter beim Abholen von der Abend-Fete im Auto etwas unterhalten? Keine Chance, weil Ohrstecker plus Multi-Gerät jegliche Kommunikation vereiteln.

Mehr als 300.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland sind laut Experten gefährdet, eine Internetsucht zu entwickeln. Jedes fünfte Kind ist pro Tag länger als vier Stunden online. Der Trend zeigt steil nach oben. So nutzen bereits knapp fünf Prozent der 12- bis 17-Jährigen das Internet in riskantem Umfang, mit deutlichen Zeichen einer Abhängigkeit. Das geht aus einer repräsentativen Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Krankenkasse DAK hervor, die kürzlich in Berlin präsentiert wurde. Der Nachwuchs lebt im Online-Modus, schaut alle paar Minuten auf den Bildschirm, spielt stundenlang am Computer und findet dies ganz normal.

Nach 5 bis 6 Stunden Medienabstinenz zittern die Hände von Kindern wie bei Drogensüchtigen

Nach der Forsa-Studie reagiert mehr als jedes fünfte Kind ruhelos und gereizt auf Einschränkungen bei der Onlinenutzung. Viele Kinder nehmen sich zwar vor, nur eine bestimmte Zeit online zu bleiben. Doch rund die Hälfte der Kinder hält diese Grenze nicht ein. Jedes zehnte Kind, so die Eltern, nutzt das Internet, um vor Problemen der wirklichen Welt zu fliehen. Mehr als 1.000 Eltern von 12- bis 17-Jährigen sind in der Studie zur Internetnutzung ihrer Kinder telefonisch befragt worden. Damit ist es nach Angaben der DAK die erste Untersuchung, die sich bei dem Thema ausschließlich an Eltern und ihre Einschätzung wendet.

Auffällig ist, dass etwa die Hälfte der befragten Eltern ihren Kindern keine zeitlichen Vorgaben für die Internetnutzung macht. Und so verbringen 54 Prozent der 12- bis 17-Jährigen an Werktagen mehr als zwei Stunden im Internet, jedes fünfte Kind bereits mehr als vier Stunden. An den Wochenenden schnellt die Nutzungsdauer nach oben, da verbringt bereits jedes fünfte Kind mehr als sechs Stunden pro Samstag oder Sonntag im Netz. Das Internationale Zentralinstitut für Jugend- und Bildungsfernsehen empfiehlt, ab einem Alter von elf Jahren maximal eine Stunde am Tag vor Computer oder Spielekonsole zu sitzen, ab 14 Jahren 1,5 Stunden. Wenn Eltern regelnd eingreifen wollen, schalten viele Kinder auf schroffe Abwehr und zeigen deutliche Entzugserscheinungen, wenn ihnen der permanente Blick auf den Mini-Bildschirm fehlt.

Diverse Geräte einschalten und unterschiedlichste Programme händeln zu können, ist kein Beleg für Medienkompetenz

Wer dagegen mit Herz und Verstand verantwortlich den Ausschaltknopf betätigen kann, beweist echte Medien-Kompetenz. Das Problem vieler Eltern scheint zu sein, dass sie selbst den sinnvollen Umgang mit diesen Geräten nicht erlernt haben und/oder die offensichtlichen Gefahren nicht erkennen (wollen). Denn auch Erwachsene haben reichlich Probleme, zum rechten Zeitpunkt den Ausschalter von Medien-Geräten zu betätigen. So rufen in den meisten Familien die Umgangsgewohnheiten des Nachwuchses mit diesen zum Status-Symbol gewordenen Geräten nach Regelungen. Aber was sollte geregelt werden? Geht es um Nutzungszeiten, Inhalte oder Anwendungsfelder? Woher den Maßstab nehmen? Wie kommen Vereinbarungen zustande? Und welche Konsequenz setzt ein, wenn der Nachwuchs die Vereinbarungen ›vergessen‹ hat oder einseitig für ungültig erklärt?

Eltern, die einen so genannten ›liberalen Medienumgang‹ mit ihrer Kinder präferieren, stehlen sich aus ihrer Verantwortung

Sich selbst als ›liberal‹ bezeichnende Eltern könnten sich verwundert die Augen reiben und sich fragen, was sie denn damit zu haben. Schließlich gehört der Einsatz von High­tech-Geräten zum modernen Leben dazu: »Kinder bzw. Jugendliche müssen halt damit ihre Erfahrungen machen. So wächst Medienkompetenz. Da sollten wir unseren Kindern keine Vorschriften machen. Und die Zeiten autoritärer Ansagen sind nun mal vorbei. Das zukünftige Leben ist halt digital.«

Diese Haltung ist heute sehr weit verbreitet. Aber wer so an die Sache herangeht, klammert aus, dass Freiheit ohne Verantwortung schnell zu Egoismus, Willkür und (Selbst-)Zerstörung führt. Denn die – zu häufig auch in anderen Erziehung-Feldern – beobachtbare Grundhaltung: »Da halte ich mich raus, das soll halt jeder selber wissen, ich möchte keine Position beziehen«, ist im Grunde eine pädagogische Bankrotterklärung gegenüber den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen.

Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, Kindern das Fahrradfahren auf Autobahnen oder Jugendlichen den Umgang mit gefährlichen Substanzen im Chemie-Labor erlernen zu lassen, während sie sich selbst überlassen sind. Mit großer Gewissheit würde auch niemand zulassen, dass Kinder ständig einen Flachmann mit Hochprozentigem bei sich hätten. Aber das Suchtmittel Smartphone gilt als harmlos.

Kinder und Jugendliche brauchen Väter und Mütter, die sie anleiten und begleiten, die sie unterstützen oder Grenzen aufzeigen. Und je mehr Gefahren es beim Umgang mit bestimmten Geräten gibt, desto mehr muss aufgepasst und geübt werden. Moderne Medien zu verteufeln ist genauso unsinnig, wie sie zu vergöttern. Der verantwortliche Umgang entscheidet darüber, ob eine Handlung verwerflich oder förderlich, schlecht oder gut ist, dem Zusammenleben dient oder dieses zerstört. So zeigt sich echte Medien-Kompetenz.

Wer ständig online ist, verliert durch eine Vernetzung mit der halben Welt den Zugang zu sich selbst

Eine ständige mediale Präsenz schadet nicht nur der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, sondern auch von Erwachsenen. Zusätzlich machen die Eltern zu häufig einen fatalen Transferfehler: Sie schließen von der eigenen privaten und beruflichen Anwendung der Geräte pauschal darauf, dass Kinder sie genauso sinnhaft und dosiert nutzen wie sie. In einem Interview äußert Uwe Buermann, ein pädagogisch-therapeutischer Medienberater: »Wenn wir das denken, dann versündigen wir uns an unseren Kindern, weil wir im einzelnen gar nicht genau wissen, was sie damit machen und was sie genau wollen. Medienkompetenz erwerben die Kinder nicht am Computer, sondern in der Familie und in der Schule, wo sie an das Wissen und die gesellschaftlichen Werte herangeführt werden. Nur so kommen sie in die Lage, Medien angemessen zu verwenden.«

In welchem Umfang Eltern in einer Mischung aus Begrenztheit und Trägheit manchen Medienkonsum-Missbrauch direkt – wenn auch unreflektiert – ermöglichen, wird an folgendem Beispiel deutlich. Da klagt Vater B im Rahmen eines Beratungsgespräches, dass der Sohn bis tief in die Nacht auf seinem Zimmer per Smartphone oder PC im Internet surfen würde. Alle Ermahnungen seien bisher folgenlos geblieben. Da ich wusste, dass er Elektro-Ingenieur von Beruf war, fragte ich ihn leicht schmunzelnd: »Und weshalb hat das WLAN keinen Schalter?«

Auch Schulen mogeln sich zu oft aus ihrer Mitverantwortung beim Erwerb von echter Medienkompetenz

Keine oder halbherzige Regeln prägen meist den Umgang mit Handy, Smartphone und Co. auch in der Schule. Manchmal gibt es relativ klare Regeln, die aber im Alltag außer Kraft gesetzt werden. Das Wegsehens geht so weit, dass der Einsatz des Multigerätes während des Unterrichts folgenlos bleibt. Existiert z.B. die klare Regel, dass im Unterricht subversiv zum Einsatz gekommene Smartphones im Schulsekretariat für drei Tage eine Auszeit erhalten, stehen am Nachmittag die Eltern in der Schule, um das Gerät abzuholen, weil Schulen ja kein fremdes Eigentum konfiszieren dürfen und Wegschließen als unpädagogische Maßnahme diskreditiert wird. Meist mit der Folge, dass Sohn oder Tochter am nächsten Tag das Gerät triumphierend wieder mitbringen.

Es gibt noch viel zu wenig Schulen, die mit den Eltern vertraglich vereinbaren, dass zum Unterrichtsbeginn alle Smartphones und weitere Wertgegenstände in ein persönliches Schließfach kommen. So wird der Unterricht nicht ständig gestört, die Konzentration liegt beim Lehrstoff und nicht in medialen Scheinwelten. In den Pausen finden wieder echte Sozialkontakte statt. Anzeigen im Sekretariat wie »Mein Smartphone wurde durch XY beschädigt, mir wurden folgende Wertsachen geklaut« gehen gegen Null. Dazu der Leiter einer solchen Schule in Wien: »Wir haben uns viele zu lange mit kaum umsetzbaren Zwischenlösungen aufhalten lassen. Jetzt besteht Klarheit, die allen gut tut. Und das Thema Medienkompetenz ist bei uns eine Querschnittsaufgabe, nicht nur im Umfeld der Arbeit mit den Schul-Rechnern.«

»Kein Kind braucht ein Smartphon und sollte möglichst auch keines bekommen, weil das Gefahrenpotential und der Suchtfaktor zu groß ist.«

Ein Kinder-Handy für wichtige Telefonate ab der weiterführenden Schule reicht völlig aus. Für den Einsatz dieser Medien hier einige Eckpunkte, die mit Sohn oder Tochter – möglichst vor dem Erwerb – geklärt und schriftlich festgehalten werden sollten: Die Einsatzzeiten über Tag werden kontingentiert. Führen echte Sozialkontakte und Draußen-Spielzeiten ein Schattendasein, wird das Gerät für einige Stunden abgestellt. In der Zeit von 20 oder 22 Uhr bis nach dem Frühstück haben Handys & Co. Nachruhe. Dazu kommen die Geräte in eine Ablage in der Gardarobe. Falls sich ein PC im Kinderzimmer befindet – wovon dringend abzuraten ist – wird dass WLAN-System ebenfalls für die Nacht ausgeschaltet oder das Netzwerkkabel zum Smartphone gelegt. Bei Mahlzeiten, Familienfesten und Hausaufgaben erhalten Handys & Co. einen Platzverweis.

Mit den Kindern wird gemeinsam ein Passwort für das Gerät festgelegt und geklärt, welche Aktionen, Seiten oder Nutzungsbereiche tabu sind, in welchem zeitlichen Umfang eine Nutzung pro Tag höchstens erfolgen soll und in welchen Abständen mit dem Kind die Nutzungs-Chronik durchgeschaut wird. Für Regelverletzungen werden Konsequenzen festgelegt. Erst dann kommt das Gerät zum Einsatz. Hier ein Facebook-Praxis-Tipp der besonderen Art, wenn vorher keine Regeln aufgestellt wurden: »Liebes Kind, diese Woche gibt es jeden Tag ein neues WLAN-Passwort. Es wird grundsätzlich erst dann eingeschaltet, wenn die Schularbeiten fertig sind. Heute steht zusätzlich an: Zimmer aufräumen, abspülen, den Müll raus bringen. Herzlichst deine Mama und Papa.«

Echte Medienkompetenz ist das Resultat eines verantwortlich und achtsam gelebten Beziehungs-Geschehens, wobei der Familie die größte Wirkkraft zukommt

Existiert ein gutes Miteinander zwischen Eltern und Kindern, führen solche Regelungen zu spürbaren Entspannungen. Das Kind wurde nicht mit Verboten zugeschüttet, sondern stattdessen in seiner Mündigkeit gefördert. Gibt es einen Nachregelungsbedarf, setzen sich die Beteiligten zusammen und klären ihn. So wächst Selbstverantwortung, weit über den Einsatz von Handy, Smartphone und Co. hinaus. Und wenn der Nachwuchs zu vehement unter Verweis auf Alter und angebliche Freiheitsrechte jeden elterlichen Regelungsversuch zu boykottieren versucht, dann wird die Verhandlungs-Bereitschaft oder Regelungs-Einsicht recht schnell wachsen, wenn mal eine Zeit lang keine WLAN- bzw. Netzwerk-Verbindungen funktionieren und das ach so geliebte zweite ICH, welches sich Smartphone nennt, in Verwahrung genommen wird.

Hier noch einmal Uwe Buermann: »Echte Medien-Kompetenz, die wir uns alle von Herzen wünschen, beginnt mit Medien-Abstinenz – nicht im Sinne der Bewahrpädagogik, nein, im Sinne der Fähigkeitsbildung, die es braucht, um Medien sinnvoll zu nutzen.«

Der Autor ist Psychologe, Diplom-Sozialpädagoge, Diplom-Pädagoge sowie promovierter Erziehungswissenschaftler und leitete er ca. 25 Jahre das Katholische Jugendamt in Neuss. Seit 2013 hauptamtliche Lehrtätigkeit an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen/Neuss. Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf. Praxistätigkeit als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Konflikt-Coach (DGSv). Litertaurhinweise und weitere Infos unter: www.albert-wunsch.de

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