FreieWelt.net: In der aktuellen Forsa-Studie „Warum kriegt ihr keine Kinder?“ geben über 80% der Befragten an, einer der Gründe für die niedrige Geburtenrate in Deutschland sei die geringe Anerkennung der Familienarbeit. Warum bekommen die Deutschen nicht mehr Kinder?
Mechthild Löhr: Wir sollten nicht den alten sozialistischen Denkfehler mitmachen und den Wert eines menschlichen Lebens vor allem nach Arbeit und Produktivität beurteilen. Wer die Auffassung vertritt, dass Frauen vor allem wegen Anerkennung ihrer Arbeit, wo auch immer, zuhause oder außer Haus, keine Kinder bekommen, hat sicher ein sehr monokausales und zugleich materialistisches Menschenbild. Das Erste, was dazu gehört, um Kinder nicht nur abstrakt zu wollen, sondern tatsächlich auch zu bekommen, ist und bleibt die besondere Liebe zu einem anderen Menschen. Dann kommt meist dazu die dauerhafte Perspektive oder das Versprechen eines gemeinsamen (Ehe-)Lebens, damit ein Kind wirklich willkommen ist.
Mütter wünschen sich in der Regel vor der Geburt ihres Kindes gerade nicht, dass sie allein erziehend sind oder werden. Einen vernachlässigten, sehr kritischen Grund für die steigende Kinderlosigkeit sehe ich in der langen oder dauerhaften Singlezeit und Ehelosigkeit. Mutter und Vater zu werden, wünscht und erhofft man sich vor allem in einer dauerhaften, festen Bindung. Andernfalls sind junge Frauen oft von einem Kind überfordert und entscheiden sich dann sogar eher für Abtreibung, auch auf Drängen der Kindsväter hin. Heute werden nach wie vor Kinder, vor allem mehrere, in einer Ehe geboren. Wenn auch mit abnehmender Tendenz, wie dies vor allem in den neuen Bundesländern beobachtbar ist. Leider durchaus nachvollziehbar und logisch „kalkuliert“, da insgesamt die Sozialleistungen für allein erziehende Mütter weitaus attraktiver sind als für junge, einkommensschwächere, aber verheiratete, Paare. Hier handelt es sich eindeutig um staatliche Fehlanreize!
FreieWelt.net: Welche weiteren Gründe spielen Ihrer Meinung nach hierbei eine Rolle?
Mechthild Löhr: Nach der von Ihnen erwähnten Forsa-Studie sollen zunehmend auch „egoistische Gründe“ für den Verzicht auf Kinder eine Rolle spielen. So sind inzwischen viele mit einem Leben ohne Kinder ganz zufrieden, weil dann nur sie selbst und ihre Wünsche im Vordergrund stehen. Eltern zu werden ist gewissermaßen für viele zu „stressig“ geworden. Das Medien- und Selbstbild junger Frauen wird von Feministinnen und Kinderlosen dominiert. Vermittelt werden die hohen Freiheits-, Zeit – und die finanziellen Einschränkungen und leider entdecken sie dann nicht mehr, wie erfüllend, lebensbeglückend und sinngebend Kinder das eigene Leben machen. Das stark individualisierte Lebensgefühl, die Angst vor nachhaltigen Arbeitsplatz- und Einkommensverlusten und sonstigen sozialen „Rückschritten“ im eigenen Lebensstil blockieren immer häufiger den Kinderwunsch. Zu den psychologischen und persönlichen Hürden, die ein junges Paar heute erst einmal überwinden muss, kommen extrem verstärkend die unbestreitbar hohen materiellen Belastungen hinzu, bevor es endlich „Mut“ zum Kind fasst.
FreieWelt.net: Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die aktuelle Familienpolitik ein?
Mechthild Löhr: Die Politik geht im Moment vor allem von einer irrenden Argumentation aus, die ich für einen sozialistisch geprägten Fehlschluss halte und die unsere Geburtenzahlen in den letzten Jahren zusätzlich tiefer und tiefer in den Keller geführt hat. Aktuellen, amtlich noch nicht bestätigten, Zahlen zufolge kamen im vergangenen Jahr nur rund 650.000 Kinder in Deutschland zur Welt, das ist der niedrigste Stand seit 1946. Quer durch alle Parteien besteht das neue Dogma, dass es vor allem (Erwerbs-)Arbeit ist, die das Leben sinnvoll und glücklich macht. Familie und Kinder werden damit nur zu einer Option, die am Rande steht, für die eben, die dieser „traditionellen“ Lebensform noch etwas abgewinnen können. Politik und Medien vermitteln derzeitig unablässig, Frauen würden dann eher Ja zum Kind sagen, wenn sie es kurz nach der Geburt möglichst bald abgeben und schnell wieder arbeiten können.
Aber stimmt das? War nicht schon die Geburtenquote in der DDR eine der niedrigsten der Welt, bei Vollzeitbetreuung der Kinder durch den Staat? Bekommen Frauen Kinder, um sie schnell an Dritte abzugeben und möglichst umgehend wieder in Vollzeit arbeiten zu können? Wollen sie höchstens am Wochenende mal intensiver für sie Zeit haben? Wirken meist permanent zeitlich gestresste und überforderte Mütter, vor allem wenn sie zwei oder drei kleinere Kinder haben, vorbildlich für den eigenen Kinderwunsch? Offen gesagt, wird dies zwar in den Medien und bei Frauenkonferenzen mantra-artig wiederholt, doch scheint es mir leider nach Jahrzehnten Berufserfahrung realitätsfern… Nur sehr gut verdienende Eltern können sich eine Infrastruktur aufbauen, die eine stressfreie parallele Vollzeittätigkeit möglich macht.
FreieWelt.net: Und all die anderen, also die Mehrheit der Eltern…?
Mechthild Löhr: Im wirklichen Leben bietet kaum ein Beruf oder Arbeitsplatz allein den sicheren Weg zum Glück, zur Selbstverwirklichung und permanenter Anerkennung. Ein Job kann Freude machen, aber auch sehr belastend sein. Heute sind besonders die Eltern mit mehrheitlich geringeren und mittleren Einkommen gezwungen, dass die Frauen trotz kleiner Kinder schnell wieder arbeiten gehen, damit Netto überhaupt noch etwas zur Deckung der hohen Kinderkosten reinkommt. Für 1000 Euro Gehalt im Monat, soviel ca. kostet jeder KITA-Platz den Staat, würde manche junge Frau gerne eine Weile selbst die Erziehung übernehmen. Gerade in den ersten 3 Jahren würden die meisten am liebsten nur max. Teilzeit arbeiten, was sich dann aber kaum lohnt.
FreieWelt.net: Welche tiefergreifenden Auswirkungen sehen Sie angesichts dieser Entwicklungen?
Mechthild Löhr: Auf tieferer Ebene halte ich vor allem für gravierend, dass viele das Interesse und den Glauben an eine positive, hoffnungsvolle Zukunft nach uns verloren haben. In einer weitgehend entchristlichten Gesellschaft zählt meist nur das Heute, die eigene Zukunft und persönliche Absicherung. „Nach mir die Sintflut“ scheint zum Lebensmotto vieler Singles und auch Paare geworden zu sein. Unser Planet soll zwar einigermaßen grün erhalten werden, das Klima stabil und die Ernährung gesünder sein. Für irgendwen, der nach uns kommt, wieso sollten das die eigenen Kinder sein? Es soll für das eigene Leben reichen und dann sind die „Nächsten“ dran. Für den Tier- und Umweltschutz setzt man sich interessanterweise ein. Aber dass seit 1975 über 8 Millionen Kinder in Deutschland bereits abgetrieben wurden, ist unbegreiflicherweise für Politik und Gesellschaft nicht weiter bemerkenswert. Im letzten Jahr waren es ca. 110.400 Abtreibungen – nicht zuletzt im Verhältnis zu den oben erwähnten rd. 650.000 Geburten eine allarmierend hohe Zahl. Hier hat sehr wirksam eine Entwertung jedes einzelnen Menschenlebens stattgefunden, die zur wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber Kindern wesentlich beiträgt. Kinderlärm beginnt zu stören, während den Kröten tatkräftig Wanderwege gebaut werden.
FreieWelt.net: Eines Ihrer Anliegen als Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben ist die Weiterentwicklung der Familien- und Sozialpolitik, damit die Entscheidung für Kinder die Familien nicht in wirtschaftliche Notlagen bringt. Wo setzen Sie da konkret an?
Mechthild Löhr: Abtreibungen werden derzeitig zu fast 90 % vom Staat bezahlt, über 40 Mio. Euro jährlich. Damit zeigt unser Staat allen jungen Eltern, wie wenig willkommen Kinder hier eigentlich sind. Wenn eine junge Frau in einer sozialen Konfliktlage ist, sorgt der Staat für Beratung, die „ergebnisoffen“ sein soll und bietet so beides gleichwertig nebeneinander an: Geburt oder Abtreibung! Welches Bild wird an die nächste Generation vermittelt und weiter gegeben, wenn Sexualkundeunterricht in den Schulen primär Lust- und Verhütungswerbung bietet, von Schwangerschaft aber nur als „Notlage“ spricht, die es möglichst zu vermeiden gilt? Sieht so ernsthafte und ideelle Familienförderung aus?
Familien sind heute durch hohe Steuerbelastungen, geringe Freibeträge, stark steigende Wohn-, Energie- und Mobilitätskosten, höheren Raumbedarf und durch viele andere Faktoren ökonomisch unfair und in jeder Weise überproportional belastet! Und dies eben meistens in einer Phase, in der die Einkommen am Berufsanfang sowieso viel geringer sind. Die Steuern treffen Familien härter. Dann kommen noch die langen, aufwendigen Schul- und Ausbildungszeiten dazu. Obwohl der Staat gerade Familien mit durchschnittlichen und kleinen Einkommen und mehreren Kindern dringend und bevorzugt entlasten müsste.
Die Erziehungszeiten müssten wesentlich höher als nicht monetär eingezahlter Beitrag in der Rentenversicherung angerechnet werden. Dies würde die Absicherung junger Mütter wesentlich stärken, gerade auch angesichts der Scheidungsraten, und ein Elterngeld sollte für die ersten drei Jahre gezahlt werden. Meine Wunschliste wäre damit aber noch nicht abgeschlossen, denn eigentlich müssen alle staatlichen Maßnahmen sauber auf tatsächliche Familienverträglichkeit hin geprüft werden. Die Devise muss heißen: Statt Gender-Mainstreaming: „Family-Mainstreaming“!
FreieWelt.net: Sozialrechtsexperten und verschiedene Familienverbände kritisieren die ungerechte Behandlung der Familien in unseren Sozialsystemen. Sehen Sie hier ebenfalls Handlungsbedarf?
Mechthild Löhr: Das Grundproblem ist, dass die Familien heute die Lasten ohne entsprechende soziale Anerkennung tragen. Sie übernehmen und sichern ökonomisch und auch durch ihren hohen immateriellen Einsatz die Qualität der Erziehung der nächsten Generation. Kindergarten und Schule ergänzen, aber können elterliche Erziehung nicht substituieren. Eltern erleben persönlich zwar viel Freude und Glück mit ihren Kindern, müssen dafür aber häufig auf materiellen Wohlstand selbstlos verzichten. In Zukunft werden allerdings ihre Kinder dazu herangezogen, Singles und kinderlosen Paaren von heute ein sorgloses Alter zu finanzieren. Obgleich diese durch ihre Kinderlosigkeit bereits Jahrzehnte keine finanziellen Lasten für eigene Kinder tragen mussten. Da sich die Alterskohorten seit 1975 inzwischen mehr als halbiert haben, wird es in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr möglich sein, den Lebensstandard der Älteren, ob mit oder ohne Kinder zu halten und abzusichern. Unsere Sozialsysteme sind intergenerativ umlagenfinanziet und werden deshalb, wie wir ja eigentlich alle wissen, ziemlich sicher zusammenbrechen. Es wird grundlegende Veränderungen geben müssen, daran führt kein Weg vorbei. Wahrscheinlich wird jeder vom Staat dann gleichwenig bekommen, fürchte ich, egal ob er Kinder erzogen hat oder nicht. Wer eigene Kinder hat, sollte dennoch wesentlich optimistischer und zuversichtlicher in die Zukunft sehen, als jene, die nur auf den Staat, die Rentenversicherung und ihre Bank gebaut haben. Wer weiß wie eine spätere, private Gerechtigkeit aussieht…
FreieWelt.net: Was meinen Sie, wieso werden so wichtige familien- und sozialpolitische Reformen nicht endlich energisch angegangen?
Mechthild Löhr: Im Moment gibt es einen weiten politischen Konsens Familienpolitik vor allem an Arbeitspolitik auszurichten und die möglichst sofortige Rückkehr an den Arbeitsplatz zu belohnen. Deshalb endet ja die Zahlung des Elterngeldes für Frauen nach 12 Monaten. Es werden alle qualifiziert ausgebildeten Kräfte gebraucht. Die Jahrgänge sind einerseits, wie gesagt, seit 1975 nahezu halbiert, und andererseits können Sie ohne die dauerhafte Erwerbsarbeit der Frauen leider heute kaum eine mehrköpfige Familie ernähren. Die meisten Frauen wollen zwar vor allem bei kleinen Kindern maximal in Teilzeit arbeiten, die Wirtschaft bevorzugt allerdings Vollzeitkräfte, daran wird sich noch länger nichts ändern. Solange die Politik fast ausschließlich auf die flächendeckende Kinderkrippe als Allheilmittel zur Förderung der Familie setzt, wird sich dies auf die Geburtenzahl nicht positiv auswirken.
FreieWelt.net: Es gibt Experten, die gewinnen der Verringerung der Geburtenrate durchaus positive Aspekte ab…
Mechthild Löhr: Die Hoffnung auf positive „demografische Rendite“, d.h. auf den ökonomischen Vorteil einer alten, kinderarmen Gesellschaft, halte ich für ein politisches Märchen aus 1001 Nacht. Weniger Kinder bedeuten zwar auch geringere Kindergarten- und Schulkosten für den Staat, aber für die langen Jahrzehnte danach vor allem weniger Steuerzahler und Bürger…
Und solange nicht jede/r in unserem Land versteht, dass n u r Kinder Zukunft für alle bedeuten und jedes Kind, jede Geburt, als freudiges Geschenk dankbar begrüßt und gefördert werden sollte, nutzen alle aktuellen, rein ökonomischen Stellschrauben nichts. Ein Kind wird geboren, weil Eltern sich lieben, Freude am Leben und Hoffnung für die Zukunft haben. Dies gemeinsam erleben und weiterschenken wollen. Familiengründung und Familienförderung ist mehr als nur Ökonomie. Kinder sind das kostbarste Geschenk in unserem Leben, das wir erhalten können. Das haben wohl leider viel zu viele Menschen schlichtweg vergessen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Kerstin Schneider.
Die Christdemokraten für das Leben (CDL) sind eine Initiative in der CDU/CSU, gegründet von Mitgliedern der Unionsparteien, die den Lebensschutz in Deutschland durch politisches Handeln und Bewusstseinsbildung verstärken wollen. Zur Internetseite der Christdemokraten für das Leben (http://www.cdl-online.de/).

Mechthild Löhr/privatMechthild Löhr ist Unternehmensberaterin und seit 2002 die Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL). Im Interview mit FreieWelt.net sprach Löhr über die vielschichtigen Gründe für die steigende Kinderlosigkeit in Deutschland, die aktuelle Familienpolitik und die Möglichkeiten junge Familien ideell und materielle besser zu unterstützen.

FreieWelt.net: In der aktuellen Forsa-Studie „Warum kriegt ihr keine Kinder?“ geben über 80% der Befragten an, einer der Gründe für die niedrige Geburtenrate in Deutschland sei die geringe Anerkennung der Familienarbeit. Warum bekommen die Deutschen nicht mehr Kinder?

Mechthild Löhr: Wir sollten nicht den alten sozialistischen Denkfehler mitmachen und den Wert eines menschlichen Lebens vor allem nach Arbeit und Produktivität beurteilen. Wer die Auffassung vertritt, dass Frauen vor allem wegen Anerkennung ihrer Arbeit, wo auch immer, zuhause oder außer Haus, keine Kinder bekommen, hat sicher ein sehr monokausales und zugleich materialistisches Menschenbild. Das Erste, was dazu gehört, um Kinder nicht nur abstrakt zu wollen, sondern tatsächlich auch zu bekommen, ist und bleibt die besondere Liebe zu einem anderen Menschen. Dann kommt meist dazu die dauerhafte Perspektive oder das Versprechen eines gemeinsamen (Ehe-)Lebens, damit ein Kind wirklich willkommen ist.

Mütter wünschen sich in der Regel vor der Geburt ihres Kindes gerade nicht, dass sie allein erziehend sind oder werden. Einen vernachlässigten, sehr kritischen Grund für die steigende Kinderlosigkeit sehe ich in der langen oder dauerhaften Singlezeit und Ehelosigkeit. Mutter und Vater zu werden, wünscht und erhofft man sich vor allem in einer dauerhaften, festen Bindung. Andernfalls sind junge Frauen oft von einem Kind überfordert und entscheiden sich dann sogar eher für Abtreibung, auch auf Drängen der Kindsväter hin. Heute werden nach wie vor Kinder, vor allem mehrere, in einer Ehe geboren. Wenn auch mit abnehmender Tendenz, wie dies vor allem in den neuen Bundesländern beobachtbar ist. Leider durchaus nachvollziehbar und logisch „kalkuliert“, da insgesamt die Sozialleistungen für allein erziehende Mütter weitaus attraktiver sind als für junge, einkommensschwächere, aber verheiratete, Paare. Hier handelt es sich eindeutig um staatliche Fehlanreize!

FreieWelt.net: Welche weiteren Gründe spielen Ihrer Meinung nach hierbei eine Rolle?

Mechthild Löhr: Nach der von Ihnen erwähnten Forsa-Studie sollen zunehmend auch „egoistische Gründe“ für den Verzicht auf Kinder eine Rolle spielen. So sind inzwischen viele mit einem Leben ohne Kinder ganz zufrieden, weil dann nur sie selbst und ihre Wünsche im Vordergrund stehen. Eltern zu werden ist gewissermaßen für viele zu „stressig“ geworden. Das Medien- und Selbstbild junger Frauen wird von Feministinnen und Kinderlosen dominiert. Vermittelt werden die hohen Freiheits-, Zeit – und die finanziellen Einschränkungen und leider entdecken sie dann nicht mehr, wie erfüllend, lebensbeglückend und sinngebend Kinder das eigene Leben machen. Das stark individualisierte Lebensgefühl, die Angst vor nachhaltigen Arbeitsplatz- und Einkommensverlusten und sonstigen sozialen „Rückschritten“ im eigenen Lebensstil blockieren immer häufiger den Kinderwunsch. Zu den psychologischen und persönlichen Hürden, die ein junges Paar heute erst einmal überwinden muss, kommen extrem verstärkend die unbestreitbar hohen materiellen Belastungen hinzu, bevor es endlich „Mut“ zum Kind fasst.

FreieWelt.net: Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die aktuelle Familienpolitik ein?

Mechthild Löhr: Die Politik geht im Moment vor allem von einer irrenden Argumentation aus, die ich für einen sozialistisch geprägten Fehlschluss halte und die unsere Geburtenzahlen in den letzten Jahren zusätzlich tiefer und tiefer in den Keller geführt hat. Aktuellen, amtlich noch nicht bestätigten, Zahlen zufolge kamen im vergangenen Jahr nur rund 650.000 Kinder in Deutschland zur Welt, das ist der niedrigste Stand seit 1946. Quer durch alle Parteien besteht das neue Dogma, dass es vor allem (Erwerbs-)Arbeit ist, die das Leben sinnvoll und glücklich macht. Familie und Kinder werden damit nur zu einer Option, die am Rande steht, für die eben, die dieser „traditionellen“ Lebensform noch etwas abgewinnen können. Politik und Medien vermitteln derzeitig unablässig, Frauen würden dann eher Ja zum Kind sagen, wenn sie es kurz nach der Geburt möglichst bald abgeben und schnell wieder arbeiten können.

Aber stimmt das? War nicht schon die Geburtenquote in der DDR eine der niedrigsten der Welt, bei Vollzeitbetreuung der Kinder durch den Staat? Bekommen Frauen Kinder, um sie schnell an Dritte abzugeben und möglichst umgehend wieder in Vollzeit arbeiten zu können? Wollen sie höchstens am Wochenende mal intensiver für sie Zeit haben? Wirken meist permanent zeitlich gestresste und überforderte Mütter, vor allem wenn sie zwei oder drei kleinere Kinder haben, vorbildlich für den eigenen Kinderwunsch? Offen gesagt, wird dies zwar in den Medien und bei Frauenkonferenzen mantra-artig wiederholt, doch scheint es mir leider nach Jahrzehnten Berufserfahrung realitätsfern… Nur sehr gut verdienende Eltern können sich eine Infrastruktur aufbauen, die eine stressfreie parallele Vollzeittätigkeit möglich macht.

FreieWelt.net: Und all die anderen, also die Mehrheit der Eltern…?

Mechthild Löhr: Im wirklichen Leben bietet kaum ein Beruf oder Arbeitsplatz allein den sicheren Weg zum Glück, zur Selbstverwirklichung und permanenter Anerkennung. Ein Job kann Freude machen, aber auch sehr belastend sein. Heute sind besonders die Eltern mit mehrheitlich geringeren und mittleren Einkommen gezwungen, dass die Frauen trotz kleiner Kinder schnell wieder arbeiten gehen, damit Netto überhaupt noch etwas zur Deckung der hohen Kinderkosten reinkommt. Für 1000 Euro Gehalt im Monat, soviel ca. kostet jeder KITA-Platz den Staat, würde manche junge Frau gerne eine Weile selbst die Erziehung übernehmen. Gerade in den ersten 3 Jahren würden die meisten am liebsten nur max. Teilzeit arbeiten, was sich dann aber kaum lohnt.

FreieWelt.net: Welche tiefergreifenden Auswirkungen sehen Sie angesichts dieser Entwicklungen?

Mechthild Löhr: Auf tieferer Ebene halte ich vor allem für gravierend, dass viele das Interesse und den Glauben an eine positive, hoffnungsvolle Zukunft nach uns verloren haben. In einer weitgehend entchristlichten Gesellschaft zählt meist nur das Heute, die eigene Zukunft und persönliche Absicherung. „Nach mir die Sintflut“ scheint zum Lebensmotto vieler Singles und auch Paare geworden zu sein. Unser Planet soll zwar einigermaßen grün erhalten werden, das Klima stabil und die Ernährung gesünder sein. Für irgendwen, der nach uns kommt, wieso sollten das die eigenen Kinder sein? Es soll für das eigene Leben reichen und dann sind die „Nächsten“ dran. Für den Tier- und Umweltschutz setzt man sich interessanterweise ein. Aber dass seit 1975 über 8 Millionen Kinder in Deutschland bereits abgetrieben wurden, ist unbegreiflicherweise für Politik und Gesellschaft nicht weiter bemerkenswert. Im letzten Jahr waren es ca. 110.400 Abtreibungen – nicht zuletzt im Verhältnis zu den oben erwähnten rd. 650.000 Geburten eine allarmierend hohe Zahl. Hier hat sehr wirksam eine Entwertung jedes einzelnen Menschenlebens stattgefunden, die zur wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber Kindern wesentlich beiträgt. Kinderlärm beginnt zu stören, während den Kröten tatkräftig Wanderwege gebaut werden.

FreieWelt.net: Eines Ihrer Anliegen als Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben ist die Weiterentwicklung der Familien- und Sozialpolitik, damit die Entscheidung für Kinder die Familien nicht in wirtschaftliche Notlagen bringt. Wo setzen Sie da konkret an?

Mechthild Löhr: Abtreibungen werden derzeitig zu fast 90 % vom Staat bezahlt, über 40 Mio. Euro jährlich. Damit zeigt unser Staat allen jungen Eltern, wie wenig willkommen Kinder hier eigentlich sind. Wenn eine junge Frau in einer sozialen Konfliktlage ist, sorgt der Staat für Beratung, die „ergebnisoffen“ sein soll und bietet so beides gleichwertig nebeneinander an: Geburt oder Abtreibung! Welches Bild wird an die nächste Generation vermittelt und weiter gegeben, wenn Sexualkundeunterricht in den Schulen primär Lust- und Verhütungswerbung bietet, von Schwangerschaft aber nur als „Notlage“ spricht, die es möglichst zu vermeiden gilt? Sieht so ernsthafte und ideelle Familienförderung aus?

Familien sind heute durch hohe Steuerbelastungen, geringe Freibeträge, stark steigende Wohn-, Energie- und Mobilitätskosten, höheren Raumbedarf und durch viele andere Faktoren ökonomisch unfair und in jeder Weise überproportional belastet! Und dies eben meistens in einer Phase, in der die Einkommen am Berufsanfang sowieso viel geringer sind. Die Steuern treffen Familien härter. Dann kommen noch die langen, aufwendigen Schul- und Ausbildungszeiten dazu. Obwohl der Staat gerade Familien mit durchschnittlichen und kleinen Einkommen und mehreren Kindern dringend und bevorzugt entlasten müsste.

Die Erziehungszeiten müssten wesentlich höher als nicht monetär eingezahlter Beitrag in der Rentenversicherung angerechnet werden. Dies würde die Absicherung junger Mütter wesentlich stärken, gerade auch angesichts der Scheidungsraten, und ein Elterngeld sollte für die ersten drei Jahre gezahlt werden. Meine Wunschliste wäre damit aber noch nicht abgeschlossen, denn eigentlich müssen alle staatlichen Maßnahmen sauber auf tatsächliche Familienverträglichkeit hin geprüft werden. Die Devise muss heißen: Statt Gender-Mainstreaming: „Family-Mainstreaming“!

FreieWelt.net: Sozialrechtsexperten und verschiedene Familienverbände kritisieren die ungerechte Behandlung der Familien in unseren Sozialsystemen. Sehen Sie hier ebenfalls Handlungsbedarf?

Mechthild Löhr: Das Grundproblem ist, dass die Familien heute die Lasten ohne entsprechende soziale Anerkennung tragen. Sie übernehmen und sichern ökonomisch und auch durch ihren hohen immateriellen Einsatz die Qualität der Erziehung der nächsten Generation. Kindergarten und Schule ergänzen, aber können elterliche Erziehung nicht substituieren. Eltern erleben persönlich zwar viel Freude und Glück mit ihren Kindern, müssen dafür aber häufig auf materiellen Wohlstand selbstlos verzichten. In Zukunft werden allerdings ihre Kinder dazu herangezogen, Singles und kinderlosen Paaren von heute ein sorgloses Alter zu finanzieren. Obgleich diese durch ihre Kinderlosigkeit bereits Jahrzehnte keine finanziellen Lasten für eigene Kinder tragen mussten. Da sich die Alterskohorten seit 1975 inzwischen mehr als halbiert haben, wird es in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr möglich sein, den Lebensstandard der Älteren, ob mit oder ohne Kinder zu halten und abzusichern. Unsere Sozialsysteme sind intergenerativ umlagenfinanziet und werden deshalb, wie wir ja eigentlich alle wissen, ziemlich sicher zusammenbrechen. Es wird grundlegende Veränderungen geben müssen, daran führt kein Weg vorbei. Wahrscheinlich wird jeder vom Staat dann gleichwenig bekommen, fürchte ich, egal ob er Kinder erzogen hat oder nicht. Wer eigene Kinder hat, sollte dennoch wesentlich optimistischer und zuversichtlicher in die Zukunft sehen, als jene, die nur auf den Staat, die Rentenversicherung und ihre Bank gebaut haben. Wer weiß wie eine spätere, private Gerechtigkeit aussieht…

FreieWelt.net: Was meinen Sie, wieso werden so wichtige familien- und sozialpolitische Reformen nicht endlich energisch angegangen?

Mechthild Löhr: Im Moment gibt es einen weiten politischen Konsens Familienpolitik vor allem an Arbeitspolitik auszurichten und die möglichst sofortige Rückkehr an den Arbeitsplatz zu belohnen. Deshalb endet ja die Zahlung des Elterngeldes für Frauen nach 12 Monaten. Es werden alle qualifiziert ausgebildeten Kräfte gebraucht. Die Jahrgänge sind einerseits, wie gesagt, seit 1975 nahezu halbiert, und andererseits können Sie ohne die dauerhafte Erwerbsarbeit der Frauen leider heute kaum eine mehrköpfige Familie ernähren. Die meisten Frauen wollen zwar vor allem bei kleinen Kindern maximal in Teilzeit arbeiten, die Wirtschaft bevorzugt allerdings Vollzeitkräfte, daran wird sich noch länger nichts ändern. Solange die Politik fast ausschließlich auf die flächendeckende Kinderkrippe als Allheilmittel zur Förderung der Familie setzt, wird sich dies auf die Geburtenzahl nicht positiv auswirken.

FreieWelt.net: Es gibt Experten, die gewinnen der Verringerung der Geburtenrate durchaus positive Aspekte ab…

Mechthild Löhr: Die Hoffnung auf positive „demografische Rendite“, d.h. auf den ökonomischen Vorteil einer alten, kinderarmen Gesellschaft, halte ich für ein politisches Märchen aus 1001 Nacht. Weniger Kinder bedeuten zwar auch geringere Kindergarten- und Schulkosten für den Staat, aber für die langen Jahrzehnte danach vor allem weniger Steuerzahler und Bürger…

Und solange nicht jede/r in unserem Land versteht, dass n u r Kinder Zukunft für alle bedeuten und jedes Kind, jede Geburt, als freudiges Geschenk dankbar begrüßt und gefördert werden sollte, nutzen alle aktuellen, rein ökonomischen Stellschrauben nichts. Ein Kind wird geboren, weil Eltern sich lieben, Freude am Leben und Hoffnung für die Zukunft haben. Dies gemeinsam erleben und weiterschenken wollen. Familiengründung und Familienförderung ist mehr als nur Ökonomie. Kinder sind das kostbarste Geschenk in unserem Leben, das wir erhalten können. Das haben wohl leider viel zu viele Menschen schlichtweg vergessen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Kerstin Schneider.

Die Christdemokraten für das Leben (CDL) sind eine Initiative in der CDU/CSU, gegründet von Mitgliedern der Unionsparteien, die den Lebensschutz in Deutschland durch politisches Handeln und Bewusstseinsbildung verstärken wollen.

Zur Internetseite der Christdemokraten für das Leben.


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    Die Familie - das Fundament unserer Gesellschaft - ist heute in vielfältiger Weise existenziell bedroht. Recht und Freiheit der Familie, die im Naturrecht begründet sind, finden nicht mehr die selbstverständliche Achtung, die ihnen zukommen.

    Unser Grundgesetz stellt in Artikel 6 fest: "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung. Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht." Desungeachtet laufen immer mehr politische Entscheidungen dieser Schutzgarantie zuwider.

    Die Familienschutzbewegung hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, für die Familie einzustehen, sie in einem breiten Bürgerbündnis zu verteidigen, wo sie offenen oder versteckten Angriffen ausgesetzt ist und sie in allen gesellschaftlichen Bereichen zu fördern und zu stärken.












    Ohne Grenzen bleiben wir allein

    Vor 900 Zuhörern sammelte ein Symposium der »Demo für alle« in Stuttgart wissenschaftliche Fakten und Argumente gegen Gender Mainstreaming und Frühsexualisierung. Das Ergebnis ist eindeutig: Das Konzept ist nicht zu halten. Der folgende Bericht von Andreas Lombard erscheint zuerst auf freiewelt.net

    Dreierlei hat das Symposium  gezeigt. Erstens: Stuttgart mausert sich zur Hochburg des Widerstands gegen Gender. Zweitens: Dieser Widerstand wächst. Drittens: Die Gender-Lobby ist nicht in der Lage, ihre Anhänger zu mobilisieren – wenn sie denn überhaupt welche hat. Eigentlich hatten die Veranstalter statt der durchweg genderkritischen Tagung einen fairen Austausch mit der Gegenseite geplant. Dass es dazu nicht kam, war den zwar eingeladenen, aber nicht erschienenen Gender-Vordenkern zuzuschreiben, von denen der Kieler Pädagoge Uwe Sielert es sich nicht nehmen ließ, dem zweifellos kurzfristig anberaumten Symposium seine Wissenschaftlichkeit abzusprechen. Bei Gender hört offenbar nicht nur der Spaß auf, sondern auch die Kollegialität. Ein Gender-Vertreter diskutiert nicht. Insofern war es nicht verwunderlich, dass sich sogar die Geschäftsleitung der Liederhalle gegen vielfältige Ansinnen hatte wehren müssen, den Mietvertrag mit den Veranstaltern zu kündigen.

    Die beliebtestes Lebensform heißt Familie

    Auch zwei Demonstrationen gegen das Symposium wurden angekündigt. Zu sehen war vor dem Tagungsgebäude am grauen Samstagmorgen aber nur ein mitleiderregendes Häuflein versprengter Protestler. Irgendjemand drückte einigen Teilnehmern eine zur vermeintlich offiziellen Tagungsbroschüre umfrisierte Publikation über sexuelle Vielfalt aus dem Hause der baden-württembergischen Familienministerin Katrin Altpeter in die Hand, die ebenfalls eingeladen worden war, aber nicht erschien. Schlappe Aktivisten empörten sich via Facebook darüber, dass schon früh um halb neun Einlass war. Verständlich ist das, denn es wird vermutlich immer anstrengender, für Gender zu sein, je mehr sich diese Ideologie auf die »heteronormative« Liebe von Mann und Frau und auf die natürliche Familiengründung einschießt – auf jenes »Lebensmodell«, das die breite Mehrheit aller Menschen nach wie vor als den Inbegriff irdischen Glücks oder wenigstens seines wahrscheinlichsten Hortes ansieht. Der teure Unsinn staatlicher Umerziehung kommt noch dazu: Der Berliner Senat gibt 800.000 Euro Steuergeld allein dafür aus, das Studentenwerk in »Studierendenwerk« umzubenennen (nachzulesen hier).

    Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen – vermutlich auch dann, wenn er es sich in den Kopf gesetzt hat, Gender-Gegner zu bekämpfen. Im Normalfall wollen wir uns weder, wie die Gender-Pionierin Judith Butler behauptet, »als Einzelne« sexuell »verorten«, noch täte uns das auf Dauer gut. Sexualität ist ein zwischenmenschliches Geschehen. Wer die Kultivierung der Sexualität unterbinden und zum Gegenstand reiner Selbstverwirklichung machen will, beraubt sie ihrer wahren Natur. Mann und Frau können sich der »Zwangsheterosexualität« (Butler), wenn diesen »Zwang« denn gäbe, vielleicht sogar entziehen. Unklar bleibt aber, welchen Nutzen sie davon hätten und wie es ihnen danach gelingen sollte, nicht in die Falle irgendeiner anderen, im Zweifelsfall kinderlosen »Zwangsnormativität« zu tappen.

    Immerhin gibt es die hausgemachten Paradoxien des Gender Mainstreaming. Dazu gehört zum Beispiel, dass dort, wo die Postulate dieser Ideologie zu greifen beginnen, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht kleiner, sondern größer werden. In Norwegen, so der Neurowissenschaftler Raphael M. Bonelli (Wien), wollen die Frauen wieder vermehrt Krankenschwestern werden und die Männer Häuser bauen. Je größer die Freiheit, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen das tun, was ihnen von Natur aus Spaß macht. In Indien sieht die Sache anders aus. Dort wenden sich Frauen Beschäftigungen zu, die vor allem Geld bringen. Die emanzipatorischen Tagesbefehle dringen also weder dort durch, wo die Menschen machen können, was sie wollen, noch dort, wo ihnen die nackte Not ihr Handeln diktiert. Ihre natürlichen Bedürfnisse sind in beiden Fällen stärker als Sozialisation und Kultur. Eindeutige Studien gibt es mehr als genug. Schon am ersten Tag ihres Lebens, so Bonelli, schauen Jungs lieber auf ein Mobile und Mädchen lieber in ein menschliches Gesicht.

    Gender Mainstreaming wissenschaftlich unhaltbar

    Ausgesprochen souverän und unterhaltsam entfaltete Bonelli (hier auf youtube) die vielen Unterschiede zwischen Männern und Frauen hinsichtlich Muskelkraft, physischer Leistungsfähigkeit, Ausdauer, Blutwerten, Körpergröße, Lebenserwartung, Gehirnstruktur, seelischen bzw. psychopathologischen Auffälligkeiten und vielen anderen Kennwerten, um daraus den Schluss zu ziehen: »Der ›kleine‹ Unterschied ist ziemlich groß.« Die angebliche soziale Konstruiertheit geschlechtlicher Unterschiede, immerhin die Kernthese des Gender Mainstreaming, ist medizinisch, biologisch und psychologisch unhaltbar. Der Evolutionsbiologe Axel Meyer (Konstanz), der seine Teilnahme so kurzfristig abgesagt hatte, dass man sich unwillkürlich fragte, ob da vielleicht jemand Druck ausgeübt habe, hätte dieses Ergebnis gewiss bestätigt. Ebenso sein aus Termingründen leider verhinderter, aber mit einem Grußwort vertretene Kollege Ulrich Kutschera (Kassel). Die Zuhörer merkten spürbar auf, als Kutschera, dessen Buch Das Gender-Paradoxon im Frühjahr erscheinen soll (Vorabdruck hier), eine energische mediale Initiative gegen Gender Mainstreaming ankündigte, damit die Biologie nicht in die Sozialwissenschaften abgedrängt und als ein weiteres Phänomen »sozialer Konstruktion« für irrelevant erklärt wird. Denn genau das scheint einer der nächsten wissenschaftspolitischen Schritte im Kampf gegen die traditionelle Familie zu sein.

    »Gender« als sexistische Perspektive

    Steht der Gender-Debatte ein heißer Frühling bevor? Verdient hätte sie es, und die Initiative Familien-Schutz wird das Ihre dazu beitragen. Gender ist nichts anderes als ein sinnloser Kampf gegen die Windmühlenflügel nüchterner biologischer Realitäten. Diese müssen mit negativen Zuschreibungen erst versehen werden, damit sie als jene »sexistische Phantasmen« verleumdet werden können, die es vor Gender noch gar nicht gab. Höchstselbst führt die Gender-Theorie in das bis dahin leidlich gut funktionierende Geschlechtergebaren jenen »Sexismus« erst ein, den sie dann umso gründlicher auskehren will – ein klarer Fall von Projektion mit eingebautem Therapieauftrag sozusagen. Bonelli lieferte folgendes Beispiel: Seit Simone de Beauvoires Diktum aus dem Jahre 1949, man werde nicht als Frau geboren, »sondern dazu gemacht«, läuft der von Feminismus und Gendertheorie massiv befeuerte Minderwertigkeitskomplex der Frau nolens volens auf den absurden, nun aber wirklich sexistischen Irrglauben hinaus, dass die Frau eine Art minderwertiger Mann sei. Paradoxerweise schien die Rettung darin zu liegen, genauso zu werden wie das feindliche Wesen, das die Frau an ihrem Selbstsein hinderte. Ergänzen ließe sich, dass die Fiktion homosexeller Fruchtbarkeit, die neuerdings von den Medien im Verein mit der Reproduktionsmedizin genährt wird, auf eine  Rückkehr des Klapperstorchs hinausläuft. Die wahre Herkunft der Kinder muss wieder verschleiert werden.

    Die dekretierte Gleichheit der Geschlechter kann praktisch gar nicht anders erreicht werden als über eine Vermännlichung der Frau und eine Verweiblichung des Mannes, was logischerweise nicht auf Angleichung, sondern auf Rollentausch hinausläuft. Die biologische Identität der Geschlechter mag noch so hartnäckig als »Biologismus« (Butler) verteufelt werden; davon verschwindet sie einfach nicht. Sie wird nur von einer Verwirrung überlagert, die mehr Probleme schafft als löst: »Eine große Zahl der Paare, die ich betreue,« so Bonelli, »leidet darunter, dass die Frau ihre Weiblichkeit nicht entdeckt hat und der Mann nicht seine Männlichkeit.« Auch wenn die Bundesärztekammer derzeit die gentechnischen Labors dazu bewegen will, eine dritte Geschlechtskategorie einzuführen, wie der Sozialethiker Manfred Spieker (Osnabrück) berichtete, gibt es einfach keine echten Mischwesen. Gebürtige Zwitter sind und bleiben extrem seltene und unvollkommene Realisierungen des einen oder des anderen Geschlechts.

    Die dreifache Kastration der Sexualität

    Es gehört eben zu den seltsamen Paradoxien unserer Zeit, also keineswegs nur der in Baden-Württemberg regierenden Grünen, dass die Industrialisierung der Landschaft mit Solaranlagen und Windrädern besorgt wird. Ebenso rücksichtslos, wie man im Namen des Naturschutzes ganze Kulturlandschaften verspargelt, kämpft man mit notorischer Verachtung für die »Ökologie des Menschen« im Namen eines ursprünglichen, zu verwirklichenden »Selbst« gegen jedwede zweigeschlechtliche Kultiviertheit, um schließlich die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung durch Gender Mainstreaming nach Kräften zu unterstützen. Wenn das Stuttgarter Symposium etwas überdeutlich zeigte, dann die dreifache Kastration der Sexualität durch Gender-Mainstreaming. Diese Ideologie raubt ihr durch Fixierung auf die Bedürfnisse des Einzelnen (erstens) nicht nur ihre zwischenmenschliche Dimension, sondern (zweitens) auch ihre produktive, zeugende Funktion. Da eine um sich selbst kreisende Sexualität zu süchtigen und selbstsüchtigen, wenn nicht dämonischen  Exzessen neigt, wird (drittens) auch diese Dimension der Sexualität durch Gender geleugnet.

    Im Kontrast dazu eröffnete die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz (Heiligenkreuz) ausgesprochen erfrischend die Stuttgarter Tagung mit einem anthropologisch und kulturgeschichtlich interessierten »Blick von außen«. Sie deutete die Ehe von Mann und Frau als einen »sakralen Vollzug«, der besonders im Hinduismus, wo es den ausgeprägten westlichen Individualismus nicht gibt, kultisch und religiös mit Weltschöpfung und Welterhaltung einhergehe. Als »Anschaulichkeit der innersten Struktur« sei die Polarität von Mann und Frau mit dem Geheimnis des ganzen Daseins aufs Innigste verbunden: »Wenn Mann und Frau versagen, versagt einfach alles.«

    Anthropologie der Spannung

    Die Polarität der Geschlechter erweist sich als lebensnotwendige Komplementarität. Ganz gleich, ob es um die Kaiserin von China oder die gemeine Märchenprinzessin geht, die im Angesicht des bereits erschöpften, halbtoten Helden eine Forderung auf die andere türmt (gleichwohl nie zu viele): Auch wenn die Frau, scheinbar zu passiv-erwartender Untätigkeit verurteilt, die kraftvolle Tätigkeit des Mannes »nur« fordert, ist sie auf den zweiten Blick in ihrer gesamten Existenz »basal«. Sie ist das Leben. Aber damit dieses Leben weitergeht, muss sie zu sich selbst kommen, was sie allein nicht kann, und dazu muss der Mann sie erobern. So kommt auch er zu sich selbst, was er alleine nicht kann. Wie Adam, der »Erdling«, muss der Mann die Frau beim Namen nennen, er muss »ihr Rätsel lösen« und sie erkennen, damit ihre Potenz sich entfaltet. Die Frau ist dabei keineswegs passiv; sie hat jederzeit die Fäden in der Hand, denn sie definiert »die Höhe der erotischen Beziehung«. (Gerl-Falkovitz)

    Wenn die Frau neuerdings ihrerseits beginnt, aggressiv um den Mann zu werben, ist das nur ein Indiz für die verwirrende »Unterbestimmung der Geschlechter«, die uns laut Gerl-Falkovitz heute so belastet und das weibliche Risiko dramatisch erhöht, nicht erkannt zu werden. Das Kinderwunschzentrum hat höchstens Trostpflaster im Angebot. Noch dazu bleibt auch dort die Abhängigkeit von der geschlechtlichen Komplementarität gewahrt. Sie wird nur verschleiert, wenn zwei Homosexuelle von den Medien als Eltern »ihres« Kindes verkauft werden. Im Vergleich zur »ewigen« Aufgabe der Ehe, die Unergründlichkeit des anderen zu ergründen, bleiben, so Gerl-Falkovitz, sonstige geschlechtliche und sexuelle Bezüge »unterkomplex«. Es mag sie geben, aber sie haben nicht denselben Rang. Wer sich in den manifest Anderen »hineinverliert«, wer die oft auch befremdliche Differenz aushält und die Spannung erträgt, auch gegen den eigenen Widerstand, wer sich herausfordern und vielleicht auch verwunden lässt – der beweist einen größeren Mut als derjenige, der dem eigenen Geschlecht begegnet. Kein Leben ohne Spannung und Widerspruch: »Ja und Nein zusammen ist eine schlechte Theologie«, zitierte Gerl-Falkovitz Shakespeares König Lear, und fügte hinzu: »Aber eine gute Anthropologie.«

    Mann und Frau sind »ein Werk durch den anderen«

    Martin Bubers »Am Du gewinnt sich das Ich« oder Goethes grammatikalisch nicht ganz korrekter Aphorismus »Du bist mein, und nun ist das Meine meiner als jemals« könnten gegen das nihilistische Zentrum von Gender Mainstreaming formuliert worden sein, wo man von dem einzig fruchtbaren Geschlechtermodell namens »Schloss und Schlüssel« nichts mehr wissen will, nichts von der israelitischen Liebesgemeinschaft in Gott selbst (die Gerl-Falkovitz als einen historischen »Quantensprung« bezeichnet), nichts von Platons Kugelmenschen, den der Faden des Zeus in zwei fortan sehnsüchtig aufeinander verwiesene Hälften trennte, nichts von der großen Aufforderung Hildegards von Bingen, der Mensch sei »ein Werk durch den anderen«.

    Gewiss, die Liebe ist gefährlich. Es kommt zu tiefsten Verletzungen, wenn die Begegnung nicht gelingt. Diese Gefahr kann uns niemand nehmen. Wer aber die Ehe aus lauter Angst vor dem Misslingen zerstört, jenes dreistufige Sakrament, das seit den Tagen der Genesis in der Welt ist – erstens das »Nur-Du« (die Ausschließlichkeit), zweitens das »Du-für-Immer« (die Unauflöslichkeit) und drittens das »Von-Dir-ein-Kind« (die Weitergabe des Lebens) –, der  versagt sich die Chance aller menschlichen Kultur, »den Saum der göttlich-erotischen Erfahrung zu berühren«, der verbaut sich die Sicht auf die Gegenwart Gottes in der Geschichte. Der gerät in die noch viel gefährlichere Nähe zum Egozentrismus des Aktes, zur »Lust der Tiere«, die gemäß Thomas von Aquin gleich neben der »Lust der Engel« wohnt, der macht Bekanntschaft mit der trennenden Kraft der Sexualität, der bloßen Begegnung der Unterleiber (als »Makulatur« bezeichnet sie Gerl-Falkovitz), kurz, der nähert sich jener Lebensweise an, wo der eine den anderen nur so weit an sich heranlässt, wie er ihn brauchen kann: »Es ist heute leichter, mit jemandem zu schlafen als ihn nach seinem Namen zu fragen.« (Botho Strauß)

    Das Leben als Gabe

    Die Frage lautet also, ob wir das Leben als »Habe« verbrauchen oder als »Gabe« erkennen und annehmen. Ob wir bereit sind, in der Beziehung zum anderen uns selbst zu geben, also »arm, gehorsam, fügsam« zu werden, wie es bei Paulus (1 Kor. 7) heißt. Da wir »kein Luftballon sind, der sich selbst aufbläst«, so eine wichtige Konklusion Gerl-Falkovitz’, sei heute die katholische Kirche (nicht zuletzt dank Papst Johannes Paul II. und seiner Rehabilitation des Leibes) die Verteidigerin desselben: Anwalt der »Leibbestimmtheit des Geschlechts«. Der Andere, der Fruchtbare, der Lockende ist am Ende kein geringerer als Gott selbst.

    Nach diesem Eröffnungsvortrag lag die Latte hoch. Aber nur von solcher Höhe herab konnten die Niederungen des Gender Mainstreaming und der schulischen Frühsexualisierung in ihrer ganzen Bedrohlichkeit ausgemessen werden, konnte sich das Stuttgarter Publikum für seinen offenkundig kämpferischen Widerstandswillen rüsten lassen. Jedenfalls ließ der Erfolg der nachfolgenden Redner darauf schließen, dass dergleichen Zurüstung wirklich geschah. Der Germanist und Gymnasiallehrer Thomas Kubelik (Melk) führte eindrucksvoll die semantischen und grammatikalischen Absurditäten der gendergerechten Sprachverhunzung und des »Alice-Schwarzer-Opfer-Feminismus« vor. Der Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter (München), entfaltete die unwissenschaftlichen Prämissen der aktuellen Sexualerziehung. Einerseits isoliert sie die »sexuelle Lust« von ihren dunklen Seiten und von allen sonstigen Lebensvollzügen, andererseits soll diese Lust Intellekt, Gefühle und Körper der Kinder »ganzheitlich« ansprechen, wodurch ihnen Vorbehalte und Rückzüge unmöglich gemacht werden. Schon damit drohe die wohlmeinende Frühsexualisierung missbräuchlich und totalitär zu werden. Der Irrglaube, es gäbe eine Art Sexualität »an sich«, führt früher oder später auch zur Pornografie. Die Lebenserfahrung sagt aber etwas anderes und bestätigt die Ausführungen von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: »Die meisten Menschen empfinden Grenzen in der Sexualität als befreiend.« Und: »Wo es keine Grenzen gibt, stehe ich allein.« (Pastötter)

    Die Fremden lieben! Aber nicht das andere, »fremde« Geschlecht

    Es ging aber noch tiefer hinab in die Niederungen der politisch-ideologischen und längst auch administrativen Gender-Bewegung, die einen seltsamen gesellschaftlichen Widerspruch offenbart: Sexuell bedient Gender Mainstreaming eine Art Heterophobie, eine Angst vor dem anderen, zunächst fremden Geschlecht, während die Zuwanderungspolitik mit ihrer abstrakten, ebenfalls staatlich verordneten Heterophilie den Eindruck erweckt, die kulturelle Herkunft und die Identität des westlichen bzw. europäischen Gemeinwesens hätte nichts nötiger als eine Art »Abnordung« (im Gegensatz zum nationalsozialistischen Programm der rassischen »Aufnordung«), als sei die immer mehr Unsicherheit und Gewalt hervorbringende Begegnung mit dem Anderen des demografischen Rätsels einzige Lösung .

    Als Ersatzredner für den ferngebliebenen Axel Meyer trat Manfred Spieker auf, der mit der Kurzfassung seines soeben in zweiter Auflage nachgedruckten Buches Gender Mainstreaming in Deutschland die Zuhörer beinahe zu stehenden Ovationen hingerissen hätte. In vier Schritten führte diese Ideologie seit der Weltfrauenkonferenz in Peking (1995) und der europäischen Umsetzung ihrer demokratisch nicht legitimierten Beschlüsse zu entsprechenden Maßnahmen in Deutschland: Erstens wurde Gender Mainstreaming 1999 »Querschnittaufgabe« aller Bundesministerien, also in Verwaltung und Gesetzgebung. Zweitens folgte 2001 das Bundesgesetz für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften. Drittens betrachtet die neue Familien- und Krippenpolitik seit 2006 die Familie nicht mehr als eine organisches Gefüge, sondern nur noch als eine Anhäufung von Personen mit je individuellen Rechten. Und viertens begann 2003 die Verpflichtung der Schulen  die Verpflichtung der Schulen auf die »Sexualpädagogik der Vielfalt« (mehr von Manfred Spieker lesen Sie hier). Die damit verbundene Förderung homosexueller Lebensweisen ist als »subversiver Protest« (Uwe Sielert) direkt gegen die Ehe von Mann und Frau und ihren angeblich privilegierten Status gerichtet. »Serielle Monogamie« und Patchworkfamilien werden staatlicherseits normativ gestärkt, um Sexualität und Familie zu »entnaturalisieren« und alle Formen von »Generativität« als gleichwertig erscheinen zu lassen und das, obwohl eine einschlägige kanadische Studie kürzlich bewiesen hat, dass Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aufwachsen, in ihrer Entwicklung erkennbar benachteiligt sind: »Vater und Mutter sind nicht gegenseitig substituierbar«, so Manfred Spieker.

    Gender-Lobby agiert wie König Heinrich VIII.

    »Diversity Mainstreaming und schulische Frühsexualisierung mit ihren Aktionsplänen gegen »Homophobie« sollen dagegen schon dem Nachwuchs beibringen, dass es nichts als »gleichwertige« Ausdrucksformen menschlicher Sexualität gäbe. Der pathologische Befund von ehedem verschwindet nicht aus der Welt, sondern wird kurzerhand an die homophoben Gegner dieses Konzepts adressiert. Mit seinem Urteil zur Hinterbliebenenversorgung im öffentlichen Dienst von 2009 ersetzte sogar das Bundesverfassungsgericht den besonderen Schutz von Ehe und Familie (also der Weitergabe des Lebens) durch das Gebot, sexuelle Minderheiten gleich zu behandeln – nach Josef Isensee »ein grobes Fehlurteil, mit dem die Richter nicht der Verfassung, sondern dem Zeitgeist folgten«. Seitdem benehme sich die Gender-Lobby, so Spieker, wie der englische König Heinrich VIII., der seinen Lordkanzler Thomas Morus und den Bischof von Rochester hinrichten ließ, als sie seine maßgeschneiderten illegitimen Heirats- und Thronfolgegesetze nicht anerkennen wollten. Ihr Schweigen genügte ihm nicht.

    Die wachsenden Bemühungen, die Leihmutterschaft auch in Deutschland zu legalisieren, zeigen, so Spieker, dass die Ersetzung des (geheiligten) Leibes durch den nur noch funktionierenden Körper auf gnostische Wurzeln zurückgehe, wonach der Mensch einem »eingesperrten Gott« gleicht, der mit Hilfe von Gender Mainstreaming sich selbst ermächtig und seinem vermeintlichen Gefängnis entkommt. Mit dem Versprechen ihrer Überwindung bedroht Gender Mainstreaming, wie die Salzburger Erklärung 2015 feststellte, nichts weniger als die menschliche Geschöpflichkeit selbst.

    Anmaßung oder Demut, so lautet die andere Frage: Der Psychotherapeut  Raphael M. Bonelli weiß aus der leidvollen Erfahrung seiner Patienten zu berichten, dass ohne die Anerkennung von Wahrheit und Wirklichkeit Heilung nicht möglich ist. Den Philosophen Josef Pieper zitierte er mit den Worten: »Demut gründet darin, dass der Mensch sich so einschätzt, wie es der Wahrheit entspricht.« Das erschreckende Schicksal eines David Reimers, der im Rahmen eines ärztlichen Experiments von einem Jungen in ein Mädchen verwandelt wurde und sich mit 38 Jahren völlig verzweifelt das Leben nahm, jene gewaltsame Geschlechtsumwandlung also, die trotz ihres katastrophalen Ausgangs von Alice Schwarzer Alice 1975 in ihrem Buch Der kleine Unterschied als Musterbeispiel für den »aufklärenden Auftrag der Forschung« dargestellt wurde, brachte Bonelli als Beispiel für die notorische Hybris vor, die mit dem Gender-Denken einhergeht.

    Gefühle allein machen nicht glücklich

    Das gängige Gegenargument, dass es im Falle freiwilliger oder »konsensualer« Entscheidungen keine Probleme gäbe, räumte Bonelli ebenfalls vom Tisch, am deutlichsten mit seinem Verweis auf den »Kannibalen von Rotenburg« und sein immerhin 43-jähriges Opfer: Die meisten Missbrauchsfälle geschehen Bonellis Erfahrung nach im »Konsens« mit dem Gegenüber. Weder dessen formale Zustimmung sei also ein verlässliches Kriterium für die richtige Entscheidung und die gute Lebensführung, noch das Gefühl allein. Vieles, was ein gutes Gefühl macht, ist nicht gut, aber das stellt sich oft erst später heraus: »Man  baut sein Haus auf Sand, wenn man nur auf Gefühle hört. Gefühle machen nicht glücklich.« Im Rahmen der Abschlussdiskussion warnte Bonelli vor den heute nicht erkennbaren Spätfolgen der gegenwärtigen Frühsexualisierung unter Umgehung der elterlichen Autorität: »Was wir im Moment mit den Kindern anstellen, werden wir vielleicht erst in Jahrzehnten erfahren.«

    Umso wichtiger sei es, den »moralischen Narzissmus« aufzubrechen, der dem Gender Mainstreaming seine Mitläufer beschert, die ohne Rücksicht auf Verluste den Applaus für ihre Zustimmung einheimsen. Wie die Abschlussdiskussion ferner deutlich machte, sind es paradoxerweise gerade die Absurdität und Lebensfremdheit der Gender-Ideologie, die zu ihrem Siegeszug beigetragen haben. Dagegen würden deutlichere Worte der Priester und Bischöfe helfen, dagegen würde es helfen, wenn sich die Frauen nicht immer mehr über »Leistung« definierten. Schließlich ist die »Karriere« ist nichts weiter als ein verwirrendes Glücks- und Erfolgsversprechen, das im Einzelfall tatsächlich befriedigend sein mag, dass uns alle aber, aufs Ganze gesehen, vereinzeln und aussterben lässt.

    »Wir müssen solange laut sein, bis die Mitläufer kippen«, fasste Bonelli die Forderung des Tages zusammen. Die Initiative Familien-Schutz mit ihrer Sprecherin Beatrix von Storch lässt sich nicht zweimal bitten; sie wird gewiss nicht locker lassen. Angesichts der bevorstehenden Wahlkämpfe in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen Anhalt wird sie verstärkt dafür eintreten, dass es bei aller notwendigen Toleranz für individuelle Freiheit und Lebensführung mindestens ebenso wichtig ist, den uneinholbaren Wert der Familie zu schützen. Nur Ehe und Familie können den Weg in unsere Zukunft und die unserer Kinder öffnen.

    Vom Berichterstatter ist soeben das Buch »Homosexualität gibt es nicht. Abschied von einem leeren Versprechen« erschienen, auf das wir gerne empfehlend hinweisen.


    Ein Fisch ist kein Fahrrad und ein Mann keine Frau

    Im Februar erscheint das Faltblatt der Initiative Familien-Schutz gegen Bildungspläne und Frühsexualisierung. Es hat den Zweck, beides zum Wahlkampf-Thema bei den bevorstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt zu machen. Geplant ist die Verteilung an 200.000 Haushalte

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    Wer hat dem Mädchen die Haare anders frisiert als den Jungen? Und warum? Ist das nicht schon Diskriminierung? Foto: flickr.com/Gerry Thomasen

    (Red.) Inzwischen sind fast alle Bundesländer in die Frühsexualisierung eingestiegen. Nach und nach haben sie dafür sog. Aktions- und Bildungspläne für Schulen und Kindergärten veröffentlicht. Grundlage ist überall »Gender Mainstreaming«. Das menschliche Geschlecht soll vom »sozial konstruierten« Gegensatz männlich/weiblich »befreit« werden, damit der Einzelne sich besser »verwirklichen« kann. Das ist wörtlich zu nehmen: In der Praxis bedeutet »Gender« oft Vereinzelung statt Familie. [more]


    Im Teufelskreis staatlicher Maßnahmen

    Ministerin Schwesig will künstliche Befruchtung jetzt auch bei unverheirateten Paaren fördern

    160114 Kind

    Foto: flickr.com/Thomas sauzedde

    (al) Gender Mainstreaming bedeutet leider nicht nur »Bildungspläne« und schulische Frühsexualisierung. Deshalb hier ein Ausflug in die assistierte Reproduktion: Familienministerin Schwesig, selbst hochschwanger,  will die künstliche Befruchtung neuerdings auch bei unverheirateten Paaren fördern. Der Kinderwunsch dürfe nicht am Geld scheitern, sagt sie – eine richtige Haltung, aber an der falschen Stelle. [more]


    Gegenwind gegen genderkritisches Symposium in Stuttgart

    (al) Die »Demo für alle« veranstaltet am 23. Januar in der Stuttgarter Liederhalle ein Symposium zu Gender und Frühsexualisierung und zwar, wie es angesichts übermächtigen Propaganda wichtig und nötig ist – aus kritischer Perspektive. Schließlich gibt es nominell nicht nur Meinungsfreiheit in Staat und Ländle, sondern auch Wissenschaftsfreiheit. Aber nicht für alle … [more]


    Smartphone & Co. bedrohen 300.000 Kinder:

    Wenn Hightech-Geräte zum Suchtmittel werden und zu viele Eltern wegschauen

    160102 Beitrag Wunsch FS

    Smartphones verhindern offenkundig den Kontakt, statt ihn zu fördern. Foto: flickr.com/Esther Vargas: Smartphones

    von Albert Wunsch

    Kaum aus der Schule, dem Kino oder der Dusche – sofort muss aufs Handy oder Smartphon geschaut werden. Wo befindet sich das High­tech-Teil wenn es nach der Regel des Nachwuchses geht beim Essen oder den Hausaufgaben? In Sichtweite. Sie wollen sich mit Sohn oder Tochter beim Abholen von der Abend-Fete im Auto etwas unterhalten? Keine Chance, weil Ohrstecker plus Multi-Gerät jegliche Kommunikation vereiteln. [more]


    Legalisierung der Leihmutterschaft

    Was der Feminismus der technisch assistierten Kinder-Produktion abgewinnt und warum er nur ihre Bedingungen verbessern will

    (al) Dieser feministische Text dürfte leider zukunftsweisend sein. Er heißt »Das Recht auf das eigene Kind« und handelt vom globalen Markt für Eizellspende und Leihmutterschaft. Er beginnt sogleich mit einer Feststellung »altruistischer« Motive: Frauen helfen Frauen! Die Ökonomisierung und Technisierung des menschlichen Lebens und seiner »Produktion« wird keineswegs nur kritisch gesehen, so viel es an den gegenwärtigen Zuständen auch zu kritisieren gibt. Die Produktion ist eine Frage ihrer Bedingungen! Die generelle Entwicklung wird richtig benannt, kann aber nicht mehr bewertet werden: »Der Markt dringt damit in einen Bereich ein, wo er vorher noch nicht war, mitten in den Körper.«

    Der Text verweist auf ein Video über eine Diskussionsveranstaltung mit Susanne Schultz vom »Gen-ethischen Netzwerk« und der freiberuflichen Soziologin Christa Wichterich, die dieser neuen Entwicklung »ihr Vokabular entsprechend angepasst« haben: [more]


    Staatliche Sexualverziehung: Sie lassen nicht locker

    Der überarbeitete Bildungsplan Baden-Württemberg will die Weitergabe des Lebens »wertfrei« betrachten. Aber damit  fehlt ihr die Wertschätzung. Wie kann das ein sinnvolles Lernziel für unsere Kinder sein?

    (al) In drei Bundesländern (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt) wird am 13. März 2016 eine neue Landesregierung gewählt. Und die zu recht kritisierten Bildungspläne zur staatlichen Sexualerziehung sind nicht vom Tisch. Offenbar bleiben die Gender-Inhalte nach den ersten Rückziehern in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg im Prinzip erhalten, werden aber nicht mehr vollständig veröffentlicht. [more]


    Leihmutterschaft. Ein Kommentar

    (al) Wer die Debatte um die Neuregelung der Sterbehilfe aufmerksam verfolgt hat, sollte auch beim Thema Lehmutterschaft die Ohren spitzen. Dann wird ihm nämlich auffallen, dass hier ein Argument wiederkehrt, das wir schon kennen. Die belgische Senatorin Petra de Sutter, deren Bericht zum Thema Leihmutterschaft am kommenden Montag in Paris diskutiert werden soll (siehe obigen Beitrag), spricht sich offenbar für eine liberalere Regelung der Leihmutterschaft aus, aber zugleich gegen ihre Kommerzialisierung. Das mag beruhigend klingen, ist aber alles andere als das. [more]


    Betreuungsgeld als Länderleistung – jetzt!

    Wie geht es weiter? Werden andere Bundesländer dem positiven Beispiel Bayerns folgen?

    151119 Shutterstock(al) Die Unsicherheit rund um das Betreuungsgeld geht weiter. Was kommt auf die vielen Familien zu, die mit der Auszahlung gerechnet hatten? Während Familienministerin Manuela Schwesig die 24-Stunden-rundum-Betreuung forciert und ihr den mit Steuergeldern gepflasterten Weg ebnet, ist bislang offen, wie viele Bundesländer das Betreuungsgeld als Landesleistung weiterzahlen werden. Das vom Bundesverfassungsgericht im vergangenen Juli gekippte Betreuungsgeld des Bundes war sicher keine familienpolitische Glanzleistung. [more]



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