FreieWelt.net: In der aktuellen Forsa-Studie „Warum kriegt ihr keine Kinder?“ geben über 80% der Befragten an, einer der Gründe für die niedrige Geburtenrate in Deutschland sei die geringe Anerkennung der Familienarbeit. Warum bekommen die Deutschen nicht mehr Kinder?
Mechthild Löhr: Wir sollten nicht den alten sozialistischen Denkfehler mitmachen und den Wert eines menschlichen Lebens vor allem nach Arbeit und Produktivität beurteilen. Wer die Auffassung vertritt, dass Frauen vor allem wegen Anerkennung ihrer Arbeit, wo auch immer, zuhause oder außer Haus, keine Kinder bekommen, hat sicher ein sehr monokausales und zugleich materialistisches Menschenbild. Das Erste, was dazu gehört, um Kinder nicht nur abstrakt zu wollen, sondern tatsächlich auch zu bekommen, ist und bleibt die besondere Liebe zu einem anderen Menschen. Dann kommt meist dazu die dauerhafte Perspektive oder das Versprechen eines gemeinsamen (Ehe-)Lebens, damit ein Kind wirklich willkommen ist.
Mütter wünschen sich in der Regel vor der Geburt ihres Kindes gerade nicht, dass sie allein erziehend sind oder werden. Einen vernachlässigten, sehr kritischen Grund für die steigende Kinderlosigkeit sehe ich in der langen oder dauerhaften Singlezeit und Ehelosigkeit. Mutter und Vater zu werden, wünscht und erhofft man sich vor allem in einer dauerhaften, festen Bindung. Andernfalls sind junge Frauen oft von einem Kind überfordert und entscheiden sich dann sogar eher für Abtreibung, auch auf Drängen der Kindsväter hin. Heute werden nach wie vor Kinder, vor allem mehrere, in einer Ehe geboren. Wenn auch mit abnehmender Tendenz, wie dies vor allem in den neuen Bundesländern beobachtbar ist. Leider durchaus nachvollziehbar und logisch “kalkuliert”, da insgesamt die Sozialleistungen für allein erziehende Mütter weitaus attraktiver sind als für junge, einkommensschwächere, aber verheiratete, Paare. Hier handelt es sich eindeutig um staatliche Fehlanreize!
FreieWelt.net: Welche weiteren Gründe spielen Ihrer Meinung nach hierbei eine Rolle?
Mechthild Löhr: Nach der von Ihnen erwähnten Forsa-Studie sollen zunehmend auch “egoistische Gründe” für den Verzicht auf Kinder eine Rolle spielen. So sind inzwischen viele mit einem Leben ohne Kinder ganz zufrieden, weil dann nur sie selbst und ihre Wünsche im Vordergrund stehen. Eltern zu werden ist gewissermaßen für viele zu “stressig” geworden. Das Medien- und Selbstbild junger Frauen wird von Feministinnen und Kinderlosen dominiert. Vermittelt werden die hohen Freiheits-, Zeit – und die finanziellen Einschränkungen und leider entdecken sie dann nicht mehr, wie erfüllend, lebensbeglückend und sinngebend Kinder das eigene Leben machen. Das stark individualisierte Lebensgefühl, die Angst vor nachhaltigen Arbeitsplatz- und Einkommensverlusten und sonstigen sozialen “Rückschritten” im eigenen Lebensstil blockieren immer häufiger den Kinderwunsch. Zu den psychologischen und persönlichen Hürden, die ein junges Paar heute erst einmal überwinden muss, kommen extrem verstärkend die unbestreitbar hohen materiellen Belastungen hinzu, bevor es endlich “Mut” zum Kind fasst.
FreieWelt.net: Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die aktuelle Familienpolitik ein?
Mechthild Löhr: Die Politik geht im Moment vor allem von einer irrenden Argumentation aus, die ich für einen sozialistisch geprägten Fehlschluss halte und die unsere Geburtenzahlen in den letzten Jahren zusätzlich tiefer und tiefer in den Keller geführt hat. Aktuellen, amtlich noch nicht bestätigten, Zahlen zufolge kamen im vergangenen Jahr nur rund 650.000 Kinder in Deutschland zur Welt, das ist der niedrigste Stand seit 1946. Quer durch alle Parteien besteht das neue Dogma, dass es vor allem (Erwerbs-)Arbeit ist, die das Leben sinnvoll und glücklich macht. Familie und Kinder werden damit nur zu einer Option, die am Rande steht, für die eben, die dieser “traditionellen” Lebensform noch etwas abgewinnen können. Politik und Medien vermitteln derzeitig unablässig, Frauen würden dann eher Ja zum Kind sagen, wenn sie es kurz nach der Geburt möglichst bald abgeben und schnell wieder arbeiten können.
Aber stimmt das? War nicht schon die Geburtenquote in der DDR eine der niedrigsten der Welt, bei Vollzeitbetreuung der Kinder durch den Staat? Bekommen Frauen Kinder, um sie schnell an Dritte abzugeben und möglichst umgehend wieder in Vollzeit arbeiten zu können? Wollen sie höchstens am Wochenende mal intensiver für sie Zeit haben? Wirken meist permanent zeitlich gestresste und überforderte Mütter, vor allem wenn sie zwei oder drei kleinere Kinder haben, vorbildlich für den eigenen Kinderwunsch? Offen gesagt, wird dies zwar in den Medien und bei Frauenkonferenzen mantra-artig wiederholt, doch scheint es mir leider nach Jahrzehnten Berufserfahrung realitätsfern… Nur sehr gut verdienende Eltern können sich eine Infrastruktur aufbauen, die eine stressfreie parallele Vollzeittätigkeit möglich macht.
FreieWelt.net: Und all die anderen, also die Mehrheit der Eltern…?
Mechthild Löhr: Im wirklichen Leben bietet kaum ein Beruf oder Arbeitsplatz allein den sicheren Weg zum Glück, zur Selbstverwirklichung und permanenter Anerkennung. Ein Job kann Freude machen, aber auch sehr belastend sein. Heute sind besonders die Eltern mit mehrheitlich geringeren und mittleren Einkommen gezwungen, dass die Frauen trotz kleiner Kinder schnell wieder arbeiten gehen, damit Netto überhaupt noch etwas zur Deckung der hohen Kinderkosten reinkommt. Für 1000 Euro Gehalt im Monat, soviel ca. kostet jeder KITA-Platz den Staat, würde manche junge Frau gerne eine Weile selbst die Erziehung übernehmen. Gerade in den ersten 3 Jahren würden die meisten am liebsten nur max. Teilzeit arbeiten, was sich dann aber kaum lohnt.
FreieWelt.net: Welche tiefergreifenden Auswirkungen sehen Sie angesichts dieser Entwicklungen?
Mechthild Löhr: Auf tieferer Ebene halte ich vor allem für gravierend, dass viele das Interesse und den Glauben an eine positive, hoffnungsvolle Zukunft nach uns verloren haben. In einer weitgehend entchristlichten Gesellschaft zählt meist nur das Heute, die eigene Zukunft und persönliche Absicherung. “Nach mir die Sintflut” scheint zum Lebensmotto vieler Singles und auch Paare geworden zu sein. Unser Planet soll zwar einigermaßen grün erhalten werden, das Klima stabil und die Ernährung gesünder sein. Für irgendwen, der nach uns kommt, wieso sollten das die eigenen Kinder sein? Es soll für das eigene Leben reichen und dann sind die “Nächsten” dran. Für den Tier- und Umweltschutz setzt man sich interessanterweise ein. Aber dass seit 1975 über 8 Millionen Kinder in Deutschland bereits abgetrieben wurden, ist unbegreiflicherweise für Politik und Gesellschaft nicht weiter bemerkenswert. Im letzten Jahr waren es ca. 110.400 Abtreibungen – nicht zuletzt im Verhältnis zu den oben erwähnten rd. 650.000 Geburten eine allarmierend hohe Zahl. Hier hat sehr wirksam eine Entwertung jedes einzelnen Menschenlebens stattgefunden, die zur wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber Kindern wesentlich beiträgt. Kinderlärm beginnt zu stören, während den Kröten tatkräftig Wanderwege gebaut werden.
FreieWelt.net: Eines Ihrer Anliegen als Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben ist die Weiterentwicklung der Familien- und Sozialpolitik, damit die Entscheidung für Kinder die Familien nicht in wirtschaftliche Notlagen bringt. Wo setzen Sie da konkret an?
Mechthild Löhr: Abtreibungen werden derzeitig zu fast 90 % vom Staat bezahlt, über 40 Mio. Euro jährlich. Damit zeigt unser Staat allen jungen Eltern, wie wenig willkommen Kinder hier eigentlich sind. Wenn eine junge Frau in einer sozialen Konfliktlage ist, sorgt der Staat für Beratung, die “ergebnisoffen” sein soll und bietet so beides gleichwertig nebeneinander an: Geburt oder Abtreibung! Welches Bild wird an die nächste Generation vermittelt und weiter gegeben, wenn Sexualkundeunterricht in den Schulen primär Lust- und Verhütungswerbung bietet, von Schwangerschaft aber nur als “Notlage” spricht, die es möglichst zu vermeiden gilt? Sieht so ernsthafte und ideelle Familienförderung aus?
Familien sind heute durch hohe Steuerbelastungen, geringe Freibeträge, stark steigende Wohn-, Energie- und Mobilitätskosten, höheren Raumbedarf und durch viele andere Faktoren ökonomisch unfair und in jeder Weise überproportional belastet! Und dies eben meistens in einer Phase, in der die Einkommen am Berufsanfang sowieso viel geringer sind. Die Steuern treffen Familien härter. Dann kommen noch die langen, aufwendigen Schul- und Ausbildungszeiten dazu. Obwohl der Staat gerade Familien mit durchschnittlichen und kleinen Einkommen und mehreren Kindern dringend und bevorzugt entlasten müsste.
Die Erziehungszeiten müssten wesentlich höher als nicht monetär eingezahlter Beitrag in der Rentenversicherung angerechnet werden. Dies würde die Absicherung junger Mütter wesentlich stärken, gerade auch angesichts der Scheidungsraten, und ein Elterngeld sollte für die ersten drei Jahre gezahlt werden. Meine Wunschliste wäre damit aber noch nicht abgeschlossen, denn eigentlich müssen alle staatlichen Maßnahmen sauber auf tatsächliche Familienverträglichkeit hin geprüft werden. Die Devise muss heißen: Statt Gender-Mainstreaming: „Family-Mainstreaming“!
FreieWelt.net: Sozialrechtsexperten und verschiedene Familienverbände kritisieren die ungerechte Behandlung der Familien in unseren Sozialsystemen. Sehen Sie hier ebenfalls Handlungsbedarf?
Mechthild Löhr: Das Grundproblem ist, dass die Familien heute die Lasten ohne entsprechende soziale Anerkennung tragen. Sie übernehmen und sichern ökonomisch und auch durch ihren hohen immateriellen Einsatz die Qualität der Erziehung der nächsten Generation. Kindergarten und Schule ergänzen, aber können elterliche Erziehung nicht substituieren. Eltern erleben persönlich zwar viel Freude und Glück mit ihren Kindern, müssen dafür aber häufig auf materiellen Wohlstand selbstlos verzichten. In Zukunft werden allerdings ihre Kinder dazu herangezogen, Singles und kinderlosen Paaren von heute ein sorgloses Alter zu finanzieren. Obgleich diese durch ihre Kinderlosigkeit bereits Jahrzehnte keine finanziellen Lasten für eigene Kinder tragen mussten. Da sich die Alterskohorten seit 1975 inzwischen mehr als halbiert haben, wird es in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr möglich sein, den Lebensstandard der Älteren, ob mit oder ohne Kinder zu halten und abzusichern. Unsere Sozialsysteme sind intergenerativ umlagenfinanziet und werden deshalb, wie wir ja eigentlich alle wissen, ziemlich sicher zusammenbrechen. Es wird grundlegende Veränderungen geben müssen, daran führt kein Weg vorbei. Wahrscheinlich wird jeder vom Staat dann gleichwenig bekommen, fürchte ich, egal ob er Kinder erzogen hat oder nicht. Wer eigene Kinder hat, sollte dennoch wesentlich optimistischer und zuversichtlicher in die Zukunft sehen, als jene, die nur auf den Staat, die Rentenversicherung und ihre Bank gebaut haben. Wer weiß wie eine spätere, private Gerechtigkeit aussieht…
FreieWelt.net: Was meinen Sie, wieso werden so wichtige familien- und sozialpolitische Reformen nicht endlich energisch angegangen?
Mechthild Löhr: Im Moment gibt es einen weiten politischen Konsens Familienpolitik vor allem an Arbeitspolitik auszurichten und die möglichst sofortige Rückkehr an den Arbeitsplatz zu belohnen. Deshalb endet ja die Zahlung des Elterngeldes für Frauen nach 12 Monaten. Es werden alle qualifiziert ausgebildeten Kräfte gebraucht. Die Jahrgänge sind einerseits, wie gesagt, seit 1975 nahezu halbiert, und andererseits können Sie ohne die dauerhafte Erwerbsarbeit der Frauen leider heute kaum eine mehrköpfige Familie ernähren. Die meisten Frauen wollen zwar vor allem bei kleinen Kindern maximal in Teilzeit arbeiten, die Wirtschaft bevorzugt allerdings Vollzeitkräfte, daran wird sich noch länger nichts ändern. Solange die Politik fast ausschließlich auf die flächendeckende Kinderkrippe als Allheilmittel zur Förderung der Familie setzt, wird sich dies auf die Geburtenzahl nicht positiv auswirken.
FreieWelt.net: Es gibt Experten, die gewinnen der Verringerung der Geburtenrate durchaus positive Aspekte ab…
Mechthild Löhr: Die Hoffnung auf positive “demografische Rendite”, d.h. auf den ökonomischen Vorteil einer alten, kinderarmen Gesellschaft, halte ich für ein politisches Märchen aus 1001 Nacht. Weniger Kinder bedeuten zwar auch geringere Kindergarten- und Schulkosten für den Staat, aber für die langen Jahrzehnte danach vor allem weniger Steuerzahler und Bürger…
Und solange nicht jede/r in unserem Land versteht, dass n u r Kinder Zukunft für alle bedeuten und jedes Kind, jede Geburt, als freudiges Geschenk dankbar begrüßt und gefördert werden sollte, nutzen alle aktuellen, rein ökonomischen Stellschrauben nichts. Ein Kind wird geboren, weil Eltern sich lieben, Freude am Leben und Hoffnung für die Zukunft haben. Dies gemeinsam erleben und weiterschenken wollen. Familiengründung und Familienförderung ist mehr als nur Ökonomie. Kinder sind das kostbarste Geschenk in unserem Leben, das wir erhalten können. Das haben wohl leider viel zu viele Menschen schlichtweg vergessen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Kerstin Schneider.
Die Christdemokraten für das Leben (CDL) sind eine Initiative in der CDU/CSU, gegründet von Mitgliedern der Unionsparteien, die den Lebensschutz in Deutschland durch politisches Handeln und Bewusstseinsbildung verstärken wollen. Zur Internetseite der Christdemokraten für das Leben (http://www.cdl-online.de/).

Mechthild Löhr/privatMechthild Löhr ist Unternehmensberaterin und seit 2002 die Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL). Im Interview mit FreieWelt.net sprach Löhr über die vielschichtigen Gründe für die steigende Kinderlosigkeit in Deutschland, die aktuelle Familienpolitik und die Möglichkeiten junge Familien ideell und materielle besser zu unterstützen.

FreieWelt.net: In der aktuellen Forsa-Studie „Warum kriegt ihr keine Kinder?“ geben über 80% der Befragten an, einer der Gründe für die niedrige Geburtenrate in Deutschland sei die geringe Anerkennung der Familienarbeit. Warum bekommen die Deutschen nicht mehr Kinder?

Mechthild Löhr: Wir sollten nicht den alten sozialistischen Denkfehler mitmachen und den Wert eines menschlichen Lebens vor allem nach Arbeit und Produktivität beurteilen. Wer die Auffassung vertritt, dass Frauen vor allem wegen Anerkennung ihrer Arbeit, wo auch immer, zuhause oder außer Haus, keine Kinder bekommen, hat sicher ein sehr monokausales und zugleich materialistisches Menschenbild. Das Erste, was dazu gehört, um Kinder nicht nur abstrakt zu wollen, sondern tatsächlich auch zu bekommen, ist und bleibt die besondere Liebe zu einem anderen Menschen. Dann kommt meist dazu die dauerhafte Perspektive oder das Versprechen eines gemeinsamen (Ehe-)Lebens, damit ein Kind wirklich willkommen ist.

Mütter wünschen sich in der Regel vor der Geburt ihres Kindes gerade nicht, dass sie allein erziehend sind oder werden. Einen vernachlässigten, sehr kritischen Grund für die steigende Kinderlosigkeit sehe ich in der langen oder dauerhaften Singlezeit und Ehelosigkeit. Mutter und Vater zu werden, wünscht und erhofft man sich vor allem in einer dauerhaften, festen Bindung. Andernfalls sind junge Frauen oft von einem Kind überfordert und entscheiden sich dann sogar eher für Abtreibung, auch auf Drängen der Kindsväter hin. Heute werden nach wie vor Kinder, vor allem mehrere, in einer Ehe geboren. Wenn auch mit abnehmender Tendenz, wie dies vor allem in den neuen Bundesländern beobachtbar ist. Leider durchaus nachvollziehbar und logisch “kalkuliert”, da insgesamt die Sozialleistungen für allein erziehende Mütter weitaus attraktiver sind als für junge, einkommensschwächere, aber verheiratete, Paare. Hier handelt es sich eindeutig um staatliche Fehlanreize!

FreieWelt.net: Welche weiteren Gründe spielen Ihrer Meinung nach hierbei eine Rolle?

Mechthild Löhr: Nach der von Ihnen erwähnten Forsa-Studie sollen zunehmend auch “egoistische Gründe” für den Verzicht auf Kinder eine Rolle spielen. So sind inzwischen viele mit einem Leben ohne Kinder ganz zufrieden, weil dann nur sie selbst und ihre Wünsche im Vordergrund stehen. Eltern zu werden ist gewissermaßen für viele zu “stressig” geworden. Das Medien- und Selbstbild junger Frauen wird von Feministinnen und Kinderlosen dominiert. Vermittelt werden die hohen Freiheits-, Zeit – und die finanziellen Einschränkungen und leider entdecken sie dann nicht mehr, wie erfüllend, lebensbeglückend und sinngebend Kinder das eigene Leben machen. Das stark individualisierte Lebensgefühl, die Angst vor nachhaltigen Arbeitsplatz- und Einkommensverlusten und sonstigen sozialen “Rückschritten” im eigenen Lebensstil blockieren immer häufiger den Kinderwunsch. Zu den psychologischen und persönlichen Hürden, die ein junges Paar heute erst einmal überwinden muss, kommen extrem verstärkend die unbestreitbar hohen materiellen Belastungen hinzu, bevor es endlich “Mut” zum Kind fasst.

FreieWelt.net: Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die aktuelle Familienpolitik ein?

Mechthild Löhr: Die Politik geht im Moment vor allem von einer irrenden Argumentation aus, die ich für einen sozialistisch geprägten Fehlschluss halte und die unsere Geburtenzahlen in den letzten Jahren zusätzlich tiefer und tiefer in den Keller geführt hat. Aktuellen, amtlich noch nicht bestätigten, Zahlen zufolge kamen im vergangenen Jahr nur rund 650.000 Kinder in Deutschland zur Welt, das ist der niedrigste Stand seit 1946. Quer durch alle Parteien besteht das neue Dogma, dass es vor allem (Erwerbs-)Arbeit ist, die das Leben sinnvoll und glücklich macht. Familie und Kinder werden damit nur zu einer Option, die am Rande steht, für die eben, die dieser “traditionellen” Lebensform noch etwas abgewinnen können. Politik und Medien vermitteln derzeitig unablässig, Frauen würden dann eher Ja zum Kind sagen, wenn sie es kurz nach der Geburt möglichst bald abgeben und schnell wieder arbeiten können.

Aber stimmt das? War nicht schon die Geburtenquote in der DDR eine der niedrigsten der Welt, bei Vollzeitbetreuung der Kinder durch den Staat? Bekommen Frauen Kinder, um sie schnell an Dritte abzugeben und möglichst umgehend wieder in Vollzeit arbeiten zu können? Wollen sie höchstens am Wochenende mal intensiver für sie Zeit haben? Wirken meist permanent zeitlich gestresste und überforderte Mütter, vor allem wenn sie zwei oder drei kleinere Kinder haben, vorbildlich für den eigenen Kinderwunsch? Offen gesagt, wird dies zwar in den Medien und bei Frauenkonferenzen mantra-artig wiederholt, doch scheint es mir leider nach Jahrzehnten Berufserfahrung realitätsfern… Nur sehr gut verdienende Eltern können sich eine Infrastruktur aufbauen, die eine stressfreie parallele Vollzeittätigkeit möglich macht.

FreieWelt.net: Und all die anderen, also die Mehrheit der Eltern…?

Mechthild Löhr: Im wirklichen Leben bietet kaum ein Beruf oder Arbeitsplatz allein den sicheren Weg zum Glück, zur Selbstverwirklichung und permanenter Anerkennung. Ein Job kann Freude machen, aber auch sehr belastend sein. Heute sind besonders die Eltern mit mehrheitlich geringeren und mittleren Einkommen gezwungen, dass die Frauen trotz kleiner Kinder schnell wieder arbeiten gehen, damit Netto überhaupt noch etwas zur Deckung der hohen Kinderkosten reinkommt. Für 1000 Euro Gehalt im Monat, soviel ca. kostet jeder KITA-Platz den Staat, würde manche junge Frau gerne eine Weile selbst die Erziehung übernehmen. Gerade in den ersten 3 Jahren würden die meisten am liebsten nur max. Teilzeit arbeiten, was sich dann aber kaum lohnt.

FreieWelt.net: Welche tiefergreifenden Auswirkungen sehen Sie angesichts dieser Entwicklungen?

Mechthild Löhr: Auf tieferer Ebene halte ich vor allem für gravierend, dass viele das Interesse und den Glauben an eine positive, hoffnungsvolle Zukunft nach uns verloren haben. In einer weitgehend entchristlichten Gesellschaft zählt meist nur das Heute, die eigene Zukunft und persönliche Absicherung. “Nach mir die Sintflut” scheint zum Lebensmotto vieler Singles und auch Paare geworden zu sein. Unser Planet soll zwar einigermaßen grün erhalten werden, das Klima stabil und die Ernährung gesünder sein. Für irgendwen, der nach uns kommt, wieso sollten das die eigenen Kinder sein? Es soll für das eigene Leben reichen und dann sind die “Nächsten” dran. Für den Tier- und Umweltschutz setzt man sich interessanterweise ein. Aber dass seit 1975 über 8 Millionen Kinder in Deutschland bereits abgetrieben wurden, ist unbegreiflicherweise für Politik und Gesellschaft nicht weiter bemerkenswert. Im letzten Jahr waren es ca. 110.400 Abtreibungen – nicht zuletzt im Verhältnis zu den oben erwähnten rd. 650.000 Geburten eine allarmierend hohe Zahl. Hier hat sehr wirksam eine Entwertung jedes einzelnen Menschenlebens stattgefunden, die zur wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber Kindern wesentlich beiträgt. Kinderlärm beginnt zu stören, während den Kröten tatkräftig Wanderwege gebaut werden.

FreieWelt.net: Eines Ihrer Anliegen als Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben ist die Weiterentwicklung der Familien- und Sozialpolitik, damit die Entscheidung für Kinder die Familien nicht in wirtschaftliche Notlagen bringt. Wo setzen Sie da konkret an?

Mechthild Löhr: Abtreibungen werden derzeitig zu fast 90 % vom Staat bezahlt, über 40 Mio. Euro jährlich. Damit zeigt unser Staat allen jungen Eltern, wie wenig willkommen Kinder hier eigentlich sind. Wenn eine junge Frau in einer sozialen Konfliktlage ist, sorgt der Staat für Beratung, die “ergebnisoffen” sein soll und bietet so beides gleichwertig nebeneinander an: Geburt oder Abtreibung! Welches Bild wird an die nächste Generation vermittelt und weiter gegeben, wenn Sexualkundeunterricht in den Schulen primär Lust- und Verhütungswerbung bietet, von Schwangerschaft aber nur als “Notlage” spricht, die es möglichst zu vermeiden gilt? Sieht so ernsthafte und ideelle Familienförderung aus?

Familien sind heute durch hohe Steuerbelastungen, geringe Freibeträge, stark steigende Wohn-, Energie- und Mobilitätskosten, höheren Raumbedarf und durch viele andere Faktoren ökonomisch unfair und in jeder Weise überproportional belastet! Und dies eben meistens in einer Phase, in der die Einkommen am Berufsanfang sowieso viel geringer sind. Die Steuern treffen Familien härter. Dann kommen noch die langen, aufwendigen Schul- und Ausbildungszeiten dazu. Obwohl der Staat gerade Familien mit durchschnittlichen und kleinen Einkommen und mehreren Kindern dringend und bevorzugt entlasten müsste.

Die Erziehungszeiten müssten wesentlich höher als nicht monetär eingezahlter Beitrag in der Rentenversicherung angerechnet werden. Dies würde die Absicherung junger Mütter wesentlich stärken, gerade auch angesichts der Scheidungsraten, und ein Elterngeld sollte für die ersten drei Jahre gezahlt werden. Meine Wunschliste wäre damit aber noch nicht abgeschlossen, denn eigentlich müssen alle staatlichen Maßnahmen sauber auf tatsächliche Familienverträglichkeit hin geprüft werden. Die Devise muss heißen: Statt Gender-Mainstreaming: „Family-Mainstreaming“!

FreieWelt.net: Sozialrechtsexperten und verschiedene Familienverbände kritisieren die ungerechte Behandlung der Familien in unseren Sozialsystemen. Sehen Sie hier ebenfalls Handlungsbedarf?

Mechthild Löhr: Das Grundproblem ist, dass die Familien heute die Lasten ohne entsprechende soziale Anerkennung tragen. Sie übernehmen und sichern ökonomisch und auch durch ihren hohen immateriellen Einsatz die Qualität der Erziehung der nächsten Generation. Kindergarten und Schule ergänzen, aber können elterliche Erziehung nicht substituieren. Eltern erleben persönlich zwar viel Freude und Glück mit ihren Kindern, müssen dafür aber häufig auf materiellen Wohlstand selbstlos verzichten. In Zukunft werden allerdings ihre Kinder dazu herangezogen, Singles und kinderlosen Paaren von heute ein sorgloses Alter zu finanzieren. Obgleich diese durch ihre Kinderlosigkeit bereits Jahrzehnte keine finanziellen Lasten für eigene Kinder tragen mussten. Da sich die Alterskohorten seit 1975 inzwischen mehr als halbiert haben, wird es in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr möglich sein, den Lebensstandard der Älteren, ob mit oder ohne Kinder zu halten und abzusichern. Unsere Sozialsysteme sind intergenerativ umlagenfinanziet und werden deshalb, wie wir ja eigentlich alle wissen, ziemlich sicher zusammenbrechen. Es wird grundlegende Veränderungen geben müssen, daran führt kein Weg vorbei. Wahrscheinlich wird jeder vom Staat dann gleichwenig bekommen, fürchte ich, egal ob er Kinder erzogen hat oder nicht. Wer eigene Kinder hat, sollte dennoch wesentlich optimistischer und zuversichtlicher in die Zukunft sehen, als jene, die nur auf den Staat, die Rentenversicherung und ihre Bank gebaut haben. Wer weiß wie eine spätere, private Gerechtigkeit aussieht…

FreieWelt.net: Was meinen Sie, wieso werden so wichtige familien- und sozialpolitische Reformen nicht endlich energisch angegangen?

Mechthild Löhr: Im Moment gibt es einen weiten politischen Konsens Familienpolitik vor allem an Arbeitspolitik auszurichten und die möglichst sofortige Rückkehr an den Arbeitsplatz zu belohnen. Deshalb endet ja die Zahlung des Elterngeldes für Frauen nach 12 Monaten. Es werden alle qualifiziert ausgebildeten Kräfte gebraucht. Die Jahrgänge sind einerseits, wie gesagt, seit 1975 nahezu halbiert, und andererseits können Sie ohne die dauerhafte Erwerbsarbeit der Frauen leider heute kaum eine mehrköpfige Familie ernähren. Die meisten Frauen wollen zwar vor allem bei kleinen Kindern maximal in Teilzeit arbeiten, die Wirtschaft bevorzugt allerdings Vollzeitkräfte, daran wird sich noch länger nichts ändern. Solange die Politik fast ausschließlich auf die flächendeckende Kinderkrippe als Allheilmittel zur Förderung der Familie setzt, wird sich dies auf die Geburtenzahl nicht positiv auswirken.

FreieWelt.net: Es gibt Experten, die gewinnen der Verringerung der Geburtenrate durchaus positive Aspekte ab…

Mechthild Löhr: Die Hoffnung auf positive “demografische Rendite”, d.h. auf den ökonomischen Vorteil einer alten, kinderarmen Gesellschaft, halte ich für ein politisches Märchen aus 1001 Nacht. Weniger Kinder bedeuten zwar auch geringere Kindergarten- und Schulkosten für den Staat, aber für die langen Jahrzehnte danach vor allem weniger Steuerzahler und Bürger…

Und solange nicht jede/r in unserem Land versteht, dass n u r Kinder Zukunft für alle bedeuten und jedes Kind, jede Geburt, als freudiges Geschenk dankbar begrüßt und gefördert werden sollte, nutzen alle aktuellen, rein ökonomischen Stellschrauben nichts. Ein Kind wird geboren, weil Eltern sich lieben, Freude am Leben und Hoffnung für die Zukunft haben. Dies gemeinsam erleben und weiterschenken wollen. Familiengründung und Familienförderung ist mehr als nur Ökonomie. Kinder sind das kostbarste Geschenk in unserem Leben, das wir erhalten können. Das haben wohl leider viel zu viele Menschen schlichtweg vergessen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Kerstin Schneider.

Die Christdemokraten für das Leben (CDL) sind eine Initiative in der CDU/CSU, gegründet von Mitgliedern der Unionsparteien, die den Lebensschutz in Deutschland durch politisches Handeln und Bewusstseinsbildung verstärken wollen.

Zur Internetseite der Christdemokraten für das Leben.


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