Kinder brauchen aktive Eltern, keine Krippen – Interview mit Dr. Albert Wunsch

Kleine Kinder, die „täglich für viele Stunden von Mama und Papa getrennt werden“, reagieren häufig mit „deutlich meßbarem Streß“, warnt der Psychologe und Erziehungswissenschaftler Dr. Albert Wunsch im Interview mit kath.net. Für die meisten Kinder sei die Krippe auch nicht förderlich, wie von einigen Krippeneuphorikern behauptet, so Wunsch. Deshalb solle der Staat statt einseitig die Krippenbetreuung massiv zu subventionieren, lieber allen Eltern ein einheitliches Erziehungsgeld zahlen, das diese dann so einsetzen, wie sie es für ihre Kinder am besten finden. 

kath.net: Herr Dr. Wunsch, in der Öffentlichkeit wird derzeit hitzig über die Betreuung von Kindern unter drei Jahren debattiert. Wer hat ein Interesse daran, dass Kleinkinder außer Haus betreut werden?

Dr. Albert Wunsch: Auf den ersten Blick hat die Politik ein Interesse an der außerhäusigen Kleinkindbetreuung. Basis ist das vor Jahren der Wirtschaft gegenüber gemachte Zugeständnis, dass Frauen nach der Geburt eines Kindes so schnell wie möglich wieder in Erwerbsleben sollen. Aber auch die meisten Frauenverbände plädieren dafür, weil so die seit Jahrhunderten angeblich existierende ‚Abhängigkeit der Frau von Kindern und Haushalt’ überwunden werden soll. Das Ganze wird dann als modernes und emanzipatorisches Familienbild angepriesen. Fakt ist, dass Babys kein Interesse daran haben, täglich für viele Stunden von Mama und Papa getrennt zu werden und häufig mit Störungen darauf reagieren.

kath.net: Welche Lebensbedingungen stufen Sie für Kinder unter drei Jahren als optimal ein?

Wunsch: Dass der Mensch eine physiologische Frühgeburt ist und von daher in den ersten 18 Monaten seines Lebens kontinuierlich dieselbe feste Bezugsperson braucht, scheinen die Krippen-Befürworter verdrängt zu haben. Wenn aber zu einer Zeit, in welche z.B. Hunde noch den Welpenschutz genießen, Kleinstkinder in die Krippe gegeben werden, dann erfolgt ein rapider Bruch, welcher sich als rasanten – deutlich messbarer – Stress äußert. Bei unsicheren Beziehungen, zu wenig Zuwendung und Kontinuität fehlt jedoch die Basis zur Entwicklung von Urvertrauen und Bindungsfähigkeit.

Was in den ersten 3 – 5 Lebensjahren nicht an Kleinkinder im normalen Lebensalltag herangetragen wird, ist kaum oder nur äußerst schwierig ‚nachzuliefern’. Dabei haben die Eltern als Garanten des emotionalen und körperlichen Wachstums durch die Gewährleistung einer verlässlichen Mutter- /Vater-Kind-Beziehung die größte Handlungs-Verantwortung und Wirk-Bedeutung. Der Leitsatz der Bindungsforschung in diesem Zusammenhang lautet: Bindung ist die Basis von Erziehung und Bildung; oder umgekehrt: Ohne Bindung kein Bildung!

Die ‚my way’ Stiftung hat unter der Überschrift: ‚Professionelle Elternschaft’ die Formel: 9 + 36 = 90 entwickelt. Das heißt: 9 Monate Schwangerschaft und die ersten 36 Monate nach der Geburt machen 90% von dem aus, was unsere Kinder und Jugendlichen im weiteren Leben – ob unter positivem oder negativem Vorzeichen – prägt.

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