Die beste Krippenbetreuung kann die Eltern nicht ersetzen – Brief an Andrea Nahles

Noch bevor sich die Koalitionsspitzen am Wochenende auf einen Kompromiß zum Betreuungsgeld geeinigt hatten, gab SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles bekannt, ihre Partei werde gegen das Betreuungsgeld vor dem Bundesverfassungsgericht klagen. Stellvertretend für die vielen Protestschreiben, die die SPD daraufhin von den Bürgern erhielt, veröffentlichen wir hier der Brief von Prof. Dr.-Ing. Karl-Heinz Schwalbe an Frau Nahles. 

Sehr geehrte Frau Nahles,

soweit man überhaupt etwas über eine Person aussagen kann, die man gar nicht kennt, habe ich Sie in der politischen Sphäre als kluge und abwägende Frau kennengelernt, jedenfalls aus der Medien-Ferne.

Umso bestürzter war ich, als ich Ihren Kommentar über den Betreuungsgeld-Beschluss der Koalition las. Sie reihen sich damit ein in ein merkwürdiges Bündnis von zahlreichen Konservativen, Fortschrittlichen (gemeint sind linke Strömungen), Alt-Feministinnen  und Akteuren der Wirtschaft.

Sie sowie viele Vertreter der genannten Gruppierungen beleidigen all diejenigen Mütter, die ihren Kindern das Beste geben, das sie haben, nämlich ihre Zeit, Zuwendung und liebende Geborgenheit, anstatt sich unmittelbar nach Ankunft ihres Kindes wieder auf die Karriere zu stürzen. In die gleiche Kerbe haben auch etliche Zeitungsredakteure gehauen, indem sie von Herdprämie und Wiederherstellung patriarchaler Zustände schwadronierten. Welch ein Menschenbild haben diese Leute. Es scheint ihnen dabei nur um materielle Karriere zugehen, anstatt um die Person, um die es geht, nämlich das Kind. Und das Kind ist absolut wehrlos und offenbar beliebige Verschiebungsmasse.

Die beste Krippenbetreuung kann in den ersten Lebensjahren eines Kindes seine Eltern nicht ersetzen. Es geht dabei nicht darum, dass Krippen-BetreuerInnen etwa herabgesetzt werden sollen. Es geht darum, dass dem Wohl eines Kindes in dieser Zeit am besten gedient wird, wenn es in seiner Familie aufgehoben ist. Und dafür benötigen die Familien angemessene Unterstützung.

Die Kinderpsychologie weiß, dass wegen unserer Frühgeburtlichkeit das Neugeborene biologisch gesehen eigentlich noch einige Monate im Mutterleib sein müsste, und deshalb ist in der Anfangszeit die Anwesenheit der Mutter dringend geboten. Der Vater soll dabei keineswegs ausgeschlossen bleiben.

Es sollte inzwischen bekannt sein, dass es gerade die ersten drei Lebensjahre sind, die die Persönlichkeit eines Menschen am intensivsten prägen, und es ist genau diese Zeit, in der ein Kind am hilflosesten und am meisten beeinflussbar ist. Die Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes in dessen empfindlichster Phase wollen Sie fremden Menschen überlassen?

Ich habe  Mütter kennengelernt, die lieber das Armutsrisiko auf sich nehmen, als ihr Kind in fremde Hände zu geben, weil sie wissen, dass das Kind am Anfang seines Lebens unbedingt die Zuwendung von Mutter und Vater braucht. Vor solchen Müttern sollten wir größten Respekt haben.

Ich möchte mit meinem Plädoyer keineswegs die Zeit zurückdrehen und die Mütter für den Rest ihres Lebens an den Herd zurückzwingen und dem Mann unterordnen, aber wir sollten Respekt vor solchen Müttern haben, die vorübergehend eine ganz wunderbare Rolle einnehmen und sich um ihr Kind kümmern wollen.

Ihre Argumentation geht leider in die Richtung, Eltern das Wahlrecht zu erschweren. Oft wird das Argument vorgebracht, Kleinkindern muss Bildung beigebracht werden (welche Bildung, bitte?), wohl weil die Eltern zu dumm dazu sind. Das ist eine Beleidigung all jener, die für einige Zeit auf Einkommensteile verzichten, um ihren Kindern Menschsein vorzuleben.

Es gibt auch noch ein weiteres Argument in dieser unseligen Debatte: Viele Eltern seien gar nicht in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern, sie würden sie verwahrlosen lassen. Dass dies leider allzu oft stimmt, berechtigt nicht, alle Eltern über einen Kamm zu scheren. Hierzu wurden ja auch schon Vorschläge gemacht, nämlich dass die Berechtigung zum Empfang des Betreuungsgeldes erworben werden kann, indem das Kind in gewissen Abständen untersucht werden sollte. Das sollte aber auch für alle Kinder gelten, nämlich auch für solche, die in die Krippe gehen (müssen). Haben Sie schon einmal erlebt, wie Kleinkinder jämmerlich schreien, wenn sie von der Mutter morgens abgegeben werden? Jede erzwungene Trennung eines Kindes von der Mutter erlebt das Kind traumatisch. Und viele Kinder schreien immer noch, wenn sie wieder abgeholt werden. Welche Qualen dies für ein Kind bedeutet, darüber macht sich kaum jemand Vorstellungen.

Es geht ja nicht nur um die Mütter. Ich höre, dass in zahlreichen Firmen (sogar von einer großen Krankenkasse), in denen junge Väter gerne Elternzeit nehmen würden, um auch ihren Beitrag zur Betreuung ihres Kindes zu leisten; sie trauen sich aber nicht , da sie regelrecht gemobbt werden, und zwar von Kollegen und Vorgesetzten. Setzen wir uns doch  für ein Umdenken ein, damit sich auch Väter um ihre Kinder kümmern können.

Wir sollten folgendes bedenken:

Die Säuglinge von heute sind die Staatsbürger von morgen, die die Gesellschaft formen werden. Für sie sollten wir das Bestmögliche tun.

Im Anhang habe ich meine Gedanken zum gedeihlichen Aufwachsen von Kindern zusammengestellt.

 

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr.-Ing. Karl-Heinz Schwalbe

 

PS: Ich kann zu diesem Thema zahlreiche Fachliteratur empfehlen, falls gewünscht.

 

Prof. Dr.-Ing. Karl-Heinz Schwalbe: Wie sollen Kleinkinder aufwachsen?

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