Publizist: Mütter ohne Job werden verachtet

Die Frage, warum die Deutschen keine Kinder mehr bekommen, wird immer wieder gleich beantwortet (zu wenige Betreuungseinrichtungen, zu wenig Geld). Insofern ist die Antwort, die das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) jetzt gegeben hat, wenigstens etwas Neues, findet der Welt-Journalist Ulli Kulke. Überzeugt von der angebotenen Erklärung ist er gleichwohl nicht. 

Aus der Sicht des BiB sind die Frauen in einen Gebärstreik getreten, weil sie sich nicht dem Druck aussetzen wollen, für eine schlechte Mutter gehalten zu werden, nur weil sie Kindererziehung und Berufstätigkeit unter einen Hut bringen. Dann verzichten sie lieber ganz auf Kinder.

Kulke begrüßt, dass bei diesem Erklärungsversuch wenigstens nicht die vermeintlich schlechte soziale Lage von Eltern ins Feld geführt wird. Aber ansonsten hält er sie für grundfalsch. Nicht die Mütter werden scheel angesehen, die erwerbstätig sind, sondern umgekehrt wird für ihn, nach seiner Beobachtung, ein Schuh daraus: Vor allem wird die Frau unter Druck gesetzt, die sich entschließt, sich voll und ganz um die Kindererziehung zu kümmern und auf Ausübung einer Erwerbstätigkeit zu verzichten.

Kulke schreibt: »Mutter und Beruf ist heute nicht verpönt, sondern eher Bedingung für Mütter, um die gesellschaftliche Anerkennung aus dem Umfeld beizubehalten, und genau da liegt das Problem. Das Umfeld besteht nämlich immer mehr aus Kinderlosen, die ihrer Karriere nachgehen. Und die sich über diejenigen aus ihrem Freundeskreis, die den Job vorübergehend ruhen lassen, auch mit dem Risiko, ihn ganz zu verlieren, nur allzu gern erhaben geben – innerlich, aber allzuoft und allzugern eben doch auch spürbar.«

Mehr dazu auf dem Blog von Ulli Kulke

Foto: Helene Souza / pixelio.de

Kommentare

  1. Nele sagt:

    Ja, Mütter ohne Jobs werden verachtet! Ich bin sogar von berufstätigen Müttern, die ihre Kinder sehr gern bei mir gelassen haben, wenn die Kita geschlossen war, herablassend bis mitleidig behandelt worden. Die Medien tun ihr Übriges in allen Rubriken. Ich vermisse dabei die Frage nach dem Kindeswohl. Wieviele Langzeituntersuchungen sollen denn noch gemacht werden: Kinderkrippen sind Stress für Kleinkinder!

  2. Jenny sagt:

    Mir ist vor allem wichtig, dass man Frauen nicht unter Druck setzt Vollzeit arbeiten zu müssen. Meine Schwester hätte Vollzeit arbeiten gehen können, arbeitet als Alleinerziehende aber bewusst nur Teilzeit, weil sie die nachmittage mit ihren Kindern verbringen möchte. Mittlerweile werden Frauen von der ARGE und Arbeitgebern massiv unter Druck gesetzt, Vollzeit arbeiten zu müssen. Das wird noch zunehmen, wenn die Krippen ausgebaut sind und dann wird man den Druck weiter steigern.

    ich bin für Wahlfreiheit. Niemand hat das Recht jmd. anderen unter Druck zu setzen, das Kind Vollzeit weggeben zu müssen. Auch Alleinerziehende müssen das Recht weiterhin haben, sich ihr Familienmodell selber aussuchen zu können.

    Ich hab absolut kein Verständnis dafür, wenn in einem übersättigten Arbeitsmarkt alle Vollzeit arbeiten sollen. Die moderne Antwort ist wohl Teilzeit und Wahlfreiheit.

    Jeder soll sich sein Modell wählen können. Die eine als Vollzeitmutter, eine als Teilzeitarbeitnehmerin, aber doch nicht mit Zwang alle in Vollzeit!

    natürlich gibt es auch Mütter, die ein solches Modell präferieren, aber es ist eine absolute Frechheit das Modell auf alle anderen übertragen zu wollen.

    Spätestens wenn die Plätze ausgebaut sind, wird der Druck losgehen: entweder sie arbeiten Vollzeit oder wir entlassen sie/stellen sie nicht ein. Sind ja genug „Vollzeitkrippen“ da.

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