Heilsames Fasten ist Freiheit üben – Interview mit Bruder Paulus Terwitte

Paulus Terwitte ist Kapuzinermönch und Großstadtseelsorger in Frankfurt am Main. Der medienerfahrene Priester und gefragte Buchautor ist einem breiteren Publikum  u.a. als Moderator der SAT.1-Sendung „So gesehen – Talk am Sonntag“ bekannt. Für FreieWelt.net beantwortete Bruder Paulus Fragen zur vorösterlichen Fastenzeit. 

FreieWelt.net: Heute beginnt die vorösterliche Fastenzeit. Warum sollten wir uns heute noch an das Fastengebot halten?

Bruder Paulus Terwitte: Wer als Christ lebt, hält die Auferstehung Jesu Christi für das Grunddatum der Weltgeschichte mit Gott. Die wird an Ostern gefeiert. Ein Fest der Erfüllung der Hoffnung durch Gott. Dass es Gott ist, der reich macht und erfüllt, machen sich Christen bewusst, indem sie irdischen Reichtum und Erfüllung für sechs Wochen trainingshalber mal hintanstellen. Und zum Gebet kommen: Du, mein Gott, Du bist es, der mich erfüllt; leite mich an, aus vollem Herzen zu lieben und damit der Gesellschaft zu dienen.

FreieWelt.net: Sie gehören den Kapuzinern an. Wie wird die Fastenzeit im Orden gestaltet?

Bruder Paulus Terwitte: Wir beten besondere Texte, die zur Umkehr zu Gott und zu mehr Nächstenliebe aufrufen. Wir leeren den Kühlschrank und die Schublade mit Süßigkeiten, reduzieren drastisch den Fleisch- und Fischkonsum und nehmen uns mehr Zeit für Freizeit und Spiel – hoffentlich, möchte ich mal jetzt, zu Beginn, anfügen. Denn Sie wissen ja: Vorsätze …

FreieWelt.net: Was unterscheidet das christliche Fasten von anderen Fastenarten?

Bruder Paulus Terwitte: Es hat einen positiven Grund. Nicht um etwas zu erreichen, fasten Christen. Sie haben schon alles erreicht, glauben sie: Mit Jesus Christus, der als erster  der Menschen den Tod besiegt hat und die Sünde, ein Siegertyp also. Zu dem gehören sie, und mit dem fühlen sie sich reich beschenkt. Damit das Geschenk auch klar bleibt, legen sie die Fastenzeit als Spielzeit ein: Wir tun mal so, als würden wir noch hungern nach Gott, noch nicht ganz erlöst sein und freuen uns mal wieder ganz neu auf Ostern.

FreieWelt.net: Gibt es auch eine „falsche Art“ zu fasten?

Bruder Paulus Terwitte: Wer „für sich“ fastet, damit es ihm besser geht, der braucht noch mehr Herzens- und Sinneöffnung. Mir fällt auf, wieviel begründet wird mit dem Argument: Weil es mir gut tut. Davon steht in der Bibel nichts. Die Aufgabe des Menschen ist es vielmehr, anderen Gutes zu tun. Auch wenn es für einen selber Nachteile bringt. Das ist ein Fasten, wie Gott es liebt.

FreieWelt.net: Welche Art des Fastens würden Sie den berufstätigen und leistungsorientierten Menschen unserer heutigen Metropolen besonders empfehlen?

Bruder Paulus Terwitte: Mittags um 12 Uhr eine Glocke wahrnehmen – vielleicht sogar ganz real auch hören, denn es gibt sie noch in vielen Städten. Dann den Bildschirm ausschalten, die Tastatur ruhen lassen. Die Hände nach oben öffnen und einfach beten: ich danke Dir, Gott, dass Du mich geschaffen hast. Und ich danke Dir für die Aufgaben, die Du mir gibst. Amen. – Und dann wieder den Bildschirm einschalten und weitermachen. Unterbrechungen, weil Gott uns bestimmen soll und nicht die Uhr, nicht die Bilanz, nicht das Gesetz: Freiheit üben – das ist heilsames Fasten.

 

Quelle: FreieWelt.net

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