Familien sind kein Störfaktor – Interview mit Christine Haderthauer

Der angebliche „interne Zwischenbericht“ einer Studie des Familien- und Finanzministeriums zur Wirksamkeit von Familienleistungen hat eine Debatte um die angemessene Förderung von Familien ausgelöst. FreieWelt.net sprach mit der Bayerischen Familienministerin Christine Haderthauer über Sinn und Zweck dieser Studie, Leistungen von und für Familien und ihre Vorstellungen guter Familienpolitik.  

FreieWelt.net: Frau Haderthauer, Sie haben die Studie zur Bewertung der Wirksamkeit der familienpolitischen Leistungen als „zynisch und ignorant“ kritisiert. Was ist so falsch daran, zu untersuchen, ob staatliche Gelder ihren Zweck erfüllen?

Christine Haderthauer: Gar nichts, wenn die Herangehensweise stimmt. Die Sinnhaftigkeit familienpolitischer Maßnahmen nach ökonomischen Gesichtspunkten beurteilen zu lassen, zeigt hohe Ignoranz dafür, was Familie bedeutet. Die Äußerungen der Gutachter zeigen es: Für sie ist Familie nur ein Störfaktor im Produktionsprozess. Das Gutachten gehört in die Tonne getreten.

FreieWelt.net: Was glauben Sie, wieso hat man die Prognos AG, eine Firma, die vor allem Wirtschaftsunternehmen mit dem Ziel der Profitmaximierung berät, mit dieser Studie betraut? Die Ergebnisse waren da doch erwartbar…

Haderthauer: Genau! Ich bedaure sehr, dass sich Kristina Schröder bei der Anlage des Gutachtens ganz offensichtlich vom Finanzminister über den Tisch ziehen ließ.

FreieWelt.net: Mal abgesehen von der Herangehensweise dieser Studie, trauriger Fakt ist und bleibt, daß in Deutschland trotz milliardenschwerer Familienförderung eine Frau im Durchschnitt nur 1,34 Kinder zur Welt bringt. Ist die Familienpolitik in Deutschland gescheitert

Haderthauer: Nein, ganz im Gegenteil. Trotz des zunehmenden Drucks in zeitlicher, ideeller und  finanzieller Hinsicht, dem Familien heute ausgesetzt sind, bliebt die Geburtenquote pro Frau in Deutschland seit 25 Jahren stabil. Und von milliardenschwerer Förderung kann ohnehin nicht gesprochen werden. Die Hälfte der angeblichen Familienleistungen haben mit Familienförderung gar nichts zu tun, sondern das sind Gelder, die den Familien zuvor unzulässigerweise vom Staat weggesteuert wurden. Deswegen ja auch die klaren Urteile des Bundesverfassungsgerichts hinsichtlich Kindergeld und Mitversicherung in den Sozialsystemen. Gute Familienpolitik hat zum Ziel, Eltern Raum und Zeit zu geben, um Familie leben zu können. Je mehr Gestaltungsspielräume und Zeitsouveränität den Familien verbleiben und je besser verschiedene Interessen, Zielsetzungen und Wünsche miteinander vereinbart werden können, umso leichter fällt die Entscheidung für Kinder. Im Gegensatz dazu macht der Mainstream in unserer Gesellschaft derzeit den Fehler, Familie nur noch als Störfaktor für die Produktion zu sehen. Als sinnvoll werden nur noch Maßnahmen wie der Krippenplatzausbau gesehen, die also vorrangig nicht das Kindeswohl, sondern die Verdienstermöglichung der Eltern zum Ziel haben und Familienarbeit aus der Familie heraus verlagern.

FreieWelt.net: Nach welchen Kriterien ließe sich denn Ihrer Meinung nach die Wirkung der Familienförderung seriös ermitteln?

Haderthauer: Gesehen werden muss doch auch, was Familie leistet und der Gesellschaft gibt, in Form von unentgeltlicher Familienarbeit, von Erziehung bis Pflege. Unabhängig davon kann nur Familie, was Familie kann: Familie lehrt Persönlichkeit, Bindung, Verantwortung, Solidarität, Miteinander, Gemeinsinn, schafft die Grundlagen, damit dann in Einrichtungen der Bildungserwerb vervollständigt werden kann. Familien sind es, die unseren Kindern Chancen eröffnen und damit Zusammenhalt, Stabilität und Solidarität in unserer Gesellschaft schaffen. Eine Gesellschaft, in der Kinder, Alte und Behinderte nur noch Störfaktoren für die Arbeitswelt und deren Unterstützung Geldverschwendung ist, hat keine Zukunft.

FreieWelt.net: Was sollte über die bisherigen Familienleistungen hinaus für Familien getan werden

Haderthauer: Unser Ziel muss sein, Familien zu stärken und ihre große Verantwortung anzusprechen, ihnen umfassend Vertrauen zu schenken und die strukturellen und materiellen Möglichkeiten zu schaffen, damit sie ihre Aufgaben wahrnehmen können. Eltern dürfen nicht länger Verlierern im System sein, wenn sie Familie leben wollen! Dazu brauchen wir einen finanziellen und ideellen Schonraum, der echte Entscheidungsfreiheit zulässt mit entsprechend ausgebautem Elterngeld und Akzeptanz in der Arbeitswelt für mehr Väterauszeiten. Mein Ziel ist eine Gesellschaft, die es sich gönnt, zumindest die ersten 24 Monate allein das Kindeswohl in den Blick zu nehmen.

FreieWelt.net: Vielen Dank!

 

Die Fragen stellte Kerstin Schneider.

Foto: haderthauer-direkt.blogspot.com

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