Mehrheit profitiert von Ehrenrunde – Interview mit Heinz-Peter Meidinger

Der Deutsche Philologenverband (DPhV) hat die Ankündigung, das Sitzenbleiben abschaffen zu wollen, als in „hohem Maße unehrlich und in keiner Weise zu Ende gedacht“, kritisiert. Im Interview mit FreieWelt.net sprach der Bundesvorsitzende des DPhV, Heinz-Peter Meidinger, über die Konsequenzen eines solchen Verbotes, über die Grenzen der Schülerförderung und erklärt, warum die Ehrenrunde in vielen Fällen sehr sinnvoll ist. 

FreieWelt.net: Herr Meidinger, Niedersachsen plant das Sitzenbleiben abzuschaffen. Seitdem ist eine Debatte um das Für und Wider der sog. Ehrenrunde entbrannt. Der Deutsche Philologenverband hat sich für die Beibehaltung ausgesprochen. Welche Konsequenzen befürchten Sie bei einem Verbot des Sitzenbleibens?

Heinz-Peter Meidinger: Ich befürchte, dass dadurch die Bildungsqualität abgesenkt und die Leistungen in der Schule nach unten nivelliert werden, zumal ja die Ankündigung, mehr individuell zu fördern, bislang ein bloßes politisches Lippenbekenntnis ist. Die Quote der bei Abschlussprüfungen Scheiternden wird massiv steigen.  Niedersachsen droht damit insgesamt  genauso wie Hamburg, Bremen und Berlin ein „Sitzenbleiberland“ in Sachen Bildungsqualität zu werden.

FreieWelt.net: Die Bertelsmann-Stiftung hat 2009 in einer Studie herausgefunden, daß das Sitzenbleiben die Gesellschaft jährlich eine Milliarde Euro koste, vor allem aber „negative Effekte“ habe. Wäre das Geld da nicht anderweitig beispielsweise in Nachhilfe besser angelegt, wie Hamburg das jetzt auch vormacht?

Heinz-Peter Meidinger: Die Bertelsmann-Studie hat im Endeffekt nur herausgefunden, dass Sitzenbleiber in der Regel auch danach nicht zu den Spitzenschülern zählen. Das ist keine Überraschung. Entscheidend ist doch, ob das Wiederholungsjahr hilft, den angestrebten Schulabschluss doch noch zu erreichen. Und da hat die umfassende Untersuchung von 2500 Schülerkarrieren im Jahre 2004 durch das RWI in Essen gezeigt, dass die große Gruppe der Schüler mit Entwicklungsverzögerungen von der Ehrenrunde stark profitiert. Wiederholer haben eine 50 Prozent höhere Chance den angestrebten Schulabschluss doch noch zu erreichen.

Staatlich finanzierte Nachhilfe ist toll, aber das heißt ja noch lange nicht, dass dadurch dann jeder Schüler in jeder Klassenstufe das Klassenziel erreicht. Die Chance auf ein zusätzliches Lernjahr sollte erhalten bleiben.

FreieWelt.net: Viele Länder, die bei der Pisa-Studie regelmäßig besser als Deutschland abschneiden, haben kein Wiederholungsjahr. Gibt es da nicht doch möglicherweise einen Zusammenhang?

Heinz-Peter Meidinger: Also da muss man genau hinschauen. Erstens einmal befindet sich Deutschland mit seinen Regelungen in der guten Gesellschaft einer Mehrheit der OECD-Länder. Zum anderen haben andere Länder andere Systeme. In England beispielsweise können Schüler für sie zu schwierige Fächer ab einer bestimmten Kassenstufe abwählen. Damit gibt es aber dann verschiedene Klassen von Abschlusszeugnissen. Die begehrten Unis und Firmen nehmen natürlich dann die, bei denen im Abi die „harten“ Fächer wie Mathe und Physik nicht rausgewählt worden sind. Der Vorteil in Deutschland ist, dass jeder Abschluss noch gleich viel wert ist. Diesen Vorteil sollte man nicht aufgeben. Auch Finnland kennt kein Sitzenbleiben, aber beim Übergang auf die Oberstufe und in die Uni wird dann ganz hart selektiert. Besonders human finde ich das nicht.

FreieWelt.net: Was ist aber mit Schülern, die nur in einem Fach nicht ausreichende Leistungen zeigen, in anderen Lernbereichen den Anforderungen aber durchaus gerecht werden. Denen ist doch mit der Wiederholung der gesamten Klasse nicht wirklich geholfen?

Heinz-Peter Meidinger: Es ist richtig, dass es Schüler gibt, denen man durch präventive und punktuelle Unterstützung ein Wiederholungsjahr ersparen kann. Deshalb gibt es ja auch in den meisten Bundesländern Nachprüfungen, Sommerseminare, Vorrücken auf Probe usw., um solchen Schülern das Schließen ihrer Wissenslücken in diesen wenigen Fächern zu ermöglichen, ohne dass sie ein Jahr verlieren. Mehr als zwei Drittel aller Schüler, die das Klassenziel nicht erreichen, haben aber mangelhafte oder ungenügende Leistungen in mindestens drei Fächern. Das kann man nicht in kurzer Zeit aufholen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass wir intelligentere Lösungen innerhalb der Regelungen zum Wiederholen finden, z.B. dass die Wiederholer in ihren Fächern mit großen Wissenslücken Zusatzstunden erhalten, während sie in Fächern, wo sie gut waren, weniger Stunden besuchen müssen.

FreieWelt.net:  Wie kann Ihrer Meinung nach leistungsschwachen Schülern geholfen werden, ohne das Sitzenbleiben abzuschaffen?

Heinz-Peter Meidinger: Das Zauberwort lautet: mehr individuelle Förderung. Zusatzangebote in den Fächern, wo Leistungsschwächen da sind. Auch kleinere Klassen wären hilfreich, damit sich die Lehrkräfte für schwächere Schüler mehr Zeit nehmen können. Das bedeutet: Viele zusätzliche Lehrerinnen und Lehrer.

Trotzdem: Die Möglichkeiten der Schule stoßen an Grenzen. Wenn bei Schülern nicht nur elterliche Unterstützung, sondern auch das Bewusstsein für den Wert von Bildung und die generelle Leistungsmotivation fehlen, nutzt auch das beste Förderangebot nichts.

FreieWelt.net: Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Kerstin Schneider.

Foto: Heinz-Peter Meidinger (Quelle: www.dphv.de)

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