Bindungsexpertin: Vereinbarkeit ist Irrglaube

Immer mehr Experten warnen vor den Folgen zu früher Fremdbetreuung von Kindern. Bei der Krippendebatte werde zu wenig „nach den Bedürfnissen der Kinder“ gefragt, kritisiert die Leiterin des Arbeitskreises „Außerfamiliäre Betreuung in der frühen Kindheit“ in der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, Ann Kathrin Scheerer, im Interview mit der Südwest Presse. Der massive Ausbau der Krippen sei weniger das Ergebnis gestiegener Nachfrage der Eltern, sondern habe vor allem arbeitsmarktpolitische und wirtschaftliche Gründe. 

Der Druck auf die Mütter, ihre Kinder so früh wie möglich in einer Krippe betreuen zu lassen und arbeiten zu gehen, nehme immer mehr zu, so Scheerer. Von echter Wahlfreiheit könne keine Rede sei. „Die Krippe gilt als Allheilmittel für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das man nicht mehr anzweifeln darf.“

Dabei seien die Risiken vor allem sehr früher außerfamiliärer Betreuung beachtlich. Je früher und länger ein Kind in einer Krippe ist, desto eher könne dessen seelische Gesundheit und Entwicklung dauerhaft Schaden nehmen, erläutert Scheerer. Die späteren Folgen seien „Schwierigkeiten, allein zu sein, große Trennungs- und Verlustängste, eine Neigung zu Depressionen“.

Die Krippen würden „schön geredet“, indem immer wieder behauptet werde, Kinder müßten bei anderen Kindern sein. Das Interesse eines Kindes an anderen Kindern beginne aber erst im dritten Lebensjahr, weiß Scheerer, „vorher sind sie Konkurrenten um die Aufmerksamkeit von Mutter oder Erzieherin. Kleine Kinder brauchen ungeteilte Aufmerksamkeit, Erzieherinnen müssen die ganze Gruppe im Blick haben.

Zudem sei die Qualität in den meisten Krippen schlecht. „Auch eine sehr einfühlsame Erzieherin kann nicht sechs oder sieben Kleinkinder gut betreuen, was sie oft genug tun muss.“ Deshalb empfiehlt Scheerer den Eltern, ihre Kinder genau zu beobachten, was ihnen gut tue und was nicht. „Es ist ja kein Zufall, dass die bevorzugte Betreuungsart trotz Krippenpolitik immer noch die innerfamiliäre, also die großelterliche oder partnerschaftliche ist. Es geht eben um Liebe. Es ist ein großer Irrglaube zu meinen, Beruf und Familie seien von Anfang an vereinbar. Sie sind es nicht, zumindest nicht, wenn Kinder noch so klein sind.“

Quelle: www.swp.de

Kommentare

  1. Michael Bloch sagt:

    Die „Vereinbarkeit“ ist nicht nur bei kleinen Kindern ein Irrglaube, sondern die Ursache für das gerade stattfindende Aussterben unseres Volkes (eine Halbierung der Geburtenzahlen innerhalb von 40 Jahren ist in der Geschichte der Menschheit ohne Beispiel):

    1.) Zwei so unterschiedliche Lebensbereiche wie Gelderwerb und Kindererziehung kann keine einzige Person „vereinbaren“.
    Entweder man baut auf die seit Jahrtausenden in allen Kulturen anzutreffende arbeitsteilige Familie, in der die Frau die Kinder erzieht und der Mann den Lebensunterhalt verdient – oder aber man steckt die Kinder in außerfamiliäre Kinder
    verwahranstalten wie Krippen und Kitas, doch dabei ist nichts „vereinbart“, sondern nur „abgeschoben“.

    2.) Zum zahlenmäßigen Erhalt eines Volkes sind im Schnitt drei Kinder pro Familie nötig. Doch die machen so viel Arbeit, dass dann nicht mehr beide Eltrnteile erwerbstätig sein können. Oder gehen die Krippen und Kitas mit den Kindern Kleidung kaufen, zum Arzt, räumen die Kinderzimmer auf usw.? All‘ das müssen die Eltern leisten, weswegen die favorisierte „Betreuung“ längst nicht so viel Arbeit abnimmt wie immer gepriesen.

    Lange Rede, kurzer Sinn: ohne Eltern geht es nicht, und wer die von ihren Kindern trennen will, treibt unser Land in den Untergang. Bitte wählen Sie nie rot oder grün, denn genau diese Herrschaften wollen das durchsetzen: Kinder in die Kitas, Mütter in die Produktion.

  2. Dass Kinder durch die Trennung von ihren Müttern Schäden erleiden, ist hinreichend bewiesen worden. Aber welche biologischen Schäden erleiden die Mütter selber, wenn sie sich früh und stundenlang von ihren Kindern trennen (müssen)? Aus Tierversuchen weiß man, wie aggressiv mit Zähnen und Klauen Mütter ihren Wurf verteidigen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mütter gerne ihr Kind in die Arme fremder Frauen legen. Der Schmerz muss verdrängt werden, um an andere Stelle als Störung wieder aufzutauchen, vielleicht als Depression oder als Herzinsuffizienz?

    Was in der Tierpflege eine Selbstverständlichkeit ist, Kindern und ihren Müttern Zeit zu lassen, um sich gut aneinander zu binden, wird heute Mutter und Kind der Gattung Mensch verweigert, ohne Rücksicht auf die Wunden, die ihnen gerissen werden.

    Gibt es in der wissenschaftlichen Forschung Erhebungen zu diesem Thema oder traut man sich nicht an solche Studien? Vielleicht aus Furcht vor einem niederschmetternden Ergebnis?

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