Wunsch-Zettel ist keine Bestell-Liste!

Foto: Gerard Stolk/flickr.com/CC BY-NC 2.0

Kinder sollten nicht aus dem Blick verlieren, um was es bei dem Fest geht, appelliert Erziehungswissenschaftler Dr. Albert Wunsch: „Weihnachten ist kein Konsumfest.“ Und gute – das heißt passende – Geschenke lassen sich halt nicht zwischen Tür und Angel kaufen sondern benötigen eine durch Hinhorchen und Achtsamkeit geprägte Vorlaufzeit. 

Dass auch in diesem Jahr wieder zum Weihnachtsfest tief in die Tasche gegriffen wird, lässt eine Zahl vermuten, die die Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) jetzt veröffentlicht hat:

447 Euro geben die Konsumenten pro Person für Geschenke aus. Und das Marktforschungsinstitut »Research und Consulting« hat herausgefunden, dass Eltern in diesem Jahr pro Kind 129 Euro ausgeben. Schon Drei- bis Fünfjährige dürfen sich demnach über Geschenke im Wert von 105 Euro freuen, für ihre über Zwölfjährigen geben Eltern sogar durchschnittlich 152 Euro aus.

Zu viel, findet Erziehungsexperte Albert Wunsch, Autor des Erziehungs-Ratgebers »Die Verwöhnungsfalle«. Er hält 30 bis 90 Euro für ein gesundes Maß, je nach den Einkommensverhältnissen der Eltern. Das sollte auch für den Sohn oder die Tochter der Millionärs-Familie gelten: »Denn Kinder sollen nicht aus dem Blick verlieren, um was es bei dem Fest geht«, appelliert der Experte, „Weihnachten ist kein Konsumfest.“ Und gute – das heißt passende – Geschenke lassen sich halt nicht zwischen Tür und Angel kaufen sondern benötigen eine durch Hinhorchen und Achtsamkeit geprägte Vorlaufzeit.

Außerdem gibt es jede Menge Geschenke, die große Freude bereiten und kein oder wenig Geld kosten, so Wunsch, und berichtet von einer Frau, die ihrem Sohn 12 Gutscheine über das lästige Packen des Turnbeutels schenkt oder einem Großvater, der seiner 17-jährigen Enkelin anbietet, sie mehrfach im Jahr abends von einer Fete abzuholen. Ergänzend können Eltern, Großeltern oder Paten Tagesauflüge in Gegenden oder zu Orten schenken, welche vom Kind als attraktiv betrachtet werden. Ob dies eine Riesenrutsche in X ist, Dampfeisenbahnfahrten, ein Technik-Museum mit Mitmachaktionen für Kinder, Mountainbike-Training in der Kiesgrube, Reitstunden oder Fahrerprobung auf dem Auto-Übungsgelände sind. Das setzt jedoch voraus, etwas vom Leben und den Interessen der Kinder mitzubekommen und die entsprechende Zeit auch einzubringhen.

Und wenn es doch unbedingt das neuste Smartphone oder ein andres sehr teures Teil sein muss? Einfach mal Geschenke ansparen, ist Wunschs Tipp. Dann gibt es dieses Jahr halt einen Anteil vom Erwünschten und beim nächsten oder übernächsten Fest das komplette Geschenk. »Die Kinder haben das Warten verlernt«, weiß der Psychologe. »Wenn es das Geschenk erst später gibt, schmälert das nicht seinen Wert, im Gegenteil, die Vorfreude erhöht seinen Wert noch.«

Stehen Eltern in dem Dilemma, ihren Kindern einen Herzenswunsch erfüllen zu wollen, sie gleichzeitig aber vor bestimmten Einflüssen schützen zu müssen, dann empfiehlt Wunsch, dass in der Regel die eigene – sicherlich gut begründete – Einschätzung nicht leichtfertig aufzugeben ist. Denn das, was oft als Herzenswunsch geäußert wird, entspricht meist dem Gedanken des Mithalten-Wollens. Denn die Wünsche von Kindern orientieren meist an dem, was zurzeit in der Clique ‚in’ ist. Dies kann aber ‚übermorgen’ schon anders sein und ist keinesfalls ein Gütekriterium.

Damit ist verbunden, so Wunsch, dass Kinder auch ein klares Nein erfahren sollten dürfen. Denn wer keine Begrenzung von Wünschen erfährt, meint, das Leben sei eine riesige Wunder-Tüte: ‚Reingreifen und genießen’. Ob in der Berufsausbildung oder im Erwerbsleben, jede ‚Nicht-möglich-Situation’, jedes stoppen eigener Bedürfnisse wird rasante Konflikte auslösen. Aber die restliche Gesellschaft wird auch betroffen sein, weil sich typische Haben-Wollen-Konsum-Kinder in Mangelsituationen, wenn die Wundertüte verschlossen ist, dann die als selbstverständlich betrachteten Dinge per Abzocken, Raub und Diebstahl beschaffen werden. Und wenn Kinder schon die Einschätzung haben sollten, dass Geld kommt aus dem Bankautomat, werden diese auch zur Weihnachtzeit kam auf die richtige Spur zu bringen sein. Geld, dies sollten Kinder von früh auf im alltäglichen Geschehen erfahren, ist in der Regel das Produkt von erbrachter Leistung und sollte demnach sorgsam eingesetzt werden. Je mehr also Kinder teure Geschenke von den Eltern wollen, je umfangreicher fehlen sie ihnen als Vater und Mutter. Die Erfahrung zu machen ist gerade für Kinder in einer Überflussgesellschaft sehr wichtig.

In Bezug auf zu teure Geschenke verdeutlicht der Erziehungswissenschaftler, dass Geschenke aller Art in erster Linie Freude bereiten sollten. Schließlich entspringt das Schenken am Weihnachtsfest der Freude über die Geburt Christi vor ca. 2000 Jahren. Wer dies – als welchen Gründen auch immer – ausblendet, sollte konsequenterweise für eine möglicherweise geplante Konsum-Orgie ein anderes Datum nutzen. Da heute viele Menschen mehr Geld als Zeit zu haben scheinen, wird die Höhe des Geschenke-Berges oft zum Ausdruck nicht eingebrachter Beziehungszeit.

Ein abschließender Hinweis für Menschen, welche wesentlich teuere Geschenke eingeplant haben und nach dem Lesen dieses Textes ins Nachdenken kamen: Gerade in diesem Jahr gibt es reichlich Flüchtlingskinder, welche sich über noch so kleine Geschenke riesig freuen würden. Laden sie Ihr Paten-, Enkel- oder direktes Kind ein und kaufen mit diesem etliche – möglichst mit einer sozialen Institution für konkrete Familien abgestimmte – Geschenke und bringen sie diese zu Weihnachten an die entsprechenden Ort. Sie werden feststellen, dass die Freude bei allen Beteiligten groß sein wird.

Lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit Dr. Albert Wunsch

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