Nichts für Kinder – Wenn der Sexualkundeunterricht Grenzen überschreitet

Am Sexualkundeunterricht entzünden sich in Deutschland traditionsgemäß die Geister. Dessen Liberalisierung vor mehr als 40 Jahren im Zuge der 68er Bewegung sorgte immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen besorgten Eltern und der auf Bildungshoheit pochenden Schulen. Ein Gymnasium in Hamburg treibt es dabei besonders wild. Eine Stichprobe:

Im Streit um die Sexualkunde an Schulen kann höchstens Waffenstillstand mit den Eltern erreicht werden. Viel zu stark spielen persönliche Befindlichkeiten – ethische, religiöse, moralische Überzeugungen auf der einen, Erziehungsbeflissenheit und Fortschrittsglauben auf der anderen Seite – hinein, die sich gegenseitig ausschließen. Als vor wenigen Jahren die Bundesländer daran gingen, zusätzlich zur regulären Sexualkunde das Thema sexuelle Vielfalt verbindlich in den Lehrplänen zu verankern, kochte die Wut bei Eltern so hoch wie lange nicht. Von Schleswig-Holstein bis Hessen vereinigten sich zehntausende Demonstranten, darunter Eltern und Vertreter von Kirchen, Bürger- und Aktionsbündnissen, um gegen die Indoktrination der Kinder im Sinne der neuen Gender-Doktrin zu protestieren. Geradezu verschreckt reagierten die Kultusministerien auf diesen geballten Gegenwind, mit dem damals niemand gerechnet hatte.

Als Sexualkunde getarnte Anleitung zur Pornografie

Im Land Hamburg scheinen die Uhren noch schneller als anderswo zu ticken. Jüngst veröffentlichte die Wochenzeitung DIE ZEIT eine Reportage über den gymnasialen Sexualkunde-Unterricht in der Stadt mit der Reeperbahn als Wahrzeichen. Die Details darüber, was sich hinter geschlossenen Klassenzimmertüren zur Geschlechtskunde abspielt, dürfte selbst hartgesottene Gemüter aufwühlen.

Im Original heißt es: „Am Montag ging es los mit Wörtersammeln: „Was fällt euch ein zu Freundschaft, Liebe, Sexualität?“ Viel. Drei große Papierbogen haben die 11- bis 13-Jährigen beschrieben: Liebeskummer, Fingern, Schreien, Masturbieren, Schmerz, Klitoris, Scheidung, One-Night-Stand, Spanner, Dildo, Blutflecken.“ An anderer Stelle heißt es: „Unsere Schüler sind absolut unterschiedlich in ihrer Entwicklung. Für manche kommt das Thema viel zu früh, für andere wird es allerhöchste Zeit“, sagt die 51-jährige Bio-Lehrerin Dörte Cornils. Später steht sie an der Tafel und lässt sich von den Kindern Wörter für die Geschlechtsorgane diktieren: Schwanz, Penis, Gurke, Gartenschlauch, Rakete, Spritzgerät. Dann übernimmt Kruse und schreibt: Muschi, Schlitz, Vagina, Fotze, Pussy, Möse.“

Und doch bleibt Beklommenheit

Widerstand, so wird im ZEIT-Artikel berichtet, gebe es durchaus unter den Lehrern. Das Unbehagen, die eigene „Pornokompetenz“ vor den Schülern unter Beweis stellen zu müssen, ist groß. Es koste schon viele Überwindung, wird ein Lehrer zitiert. Das kann auch niemanden wundern, denn de facto ist dies kein Sexualkundeunterricht mehr, sondern eine Anleitung zur Pornografie mit einer Sprache als Grundlage, die man gemeinhin nur aus Filmen mit Jugendschutzbeschränkung kennt. Warum, so fragt man sich immer wieder, sollen bereits 11jährige damit konfrontiert werden? Warum müssen Kinder damit überhaupt in etwas konfrontiert werden, das sich „Unterricht“ nennt?

Kein Thema ist so sensibel wie das Wissen über unsere Geschlechtlichkeit, über unsere physiologische Herkunft, über den menschlichen Trieb. Ein seriöser, bestenfalls vom Vertrauenslehrer gesteuerter Sexualkundeunterricht sollte demgemäß auch zu einer seriösen, würdigen Sprache finden. Wo soll die Verantwortung für die eigene Sexualität herkommen, wenn selbst der Lehrer darüber in obszönen Begriffen spricht oder sprechen soll wie in Hamburg?

Die Zeit der natürlichen Unschuld von Kindern ist kostbar – und wird ständig verkürzt

Ein wenig Unsicherheit scheinen selbst die Autoren der Reportage zu verspüren, wenn sie schreiben: „Mit neun, zehn Jahren sind sie noch sehr schambehaftet, halten sich die Augen zu, wenn sich zwei küssen, und jetzt sollen sie Geschlechtsorgane beschriften? Dennoch haben Kultusminister und Wissenschaftler entschieden, es sei der richtige Zeitpunkt.“ Der richtige Zeitpunkt ist individuell verschieden bei jedem Kind. Das eine ist weiter, das andere nicht. Es mag auch vom Elternhaus abhängen. Trotzdem mutet man jedem weniger entwickelten Kind zu, einem Unterricht beizuwohnen, den es nur verstören kann. Trotzdem scheinen Kultusminister nach der Devise zu fahren, je früher Kinder „aufgeklärt“ werden, umso besser. Schließlich läßt sich an jeder Grundschule inzwischen irgendein Kind finden, dessen „Pornokompetenz“ so ausgeprägt ist, daß es nach Meinung der „Experten“ höchste Zeit ist, auch den Rest der Klasse auf eine Stufe zu heben. Der Streit mit Eltern bleibt vorprogrammiert, wenn angeblich „Kultusminister und Wissenschaftler“ besser wissen, was besser für ihre Kinder sein soll.

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