Das aussortierte Leben: Ein einfacher Bluttest soll Schwangeren helfen – tatsächlich fällt er ein Todesurteil

Der Gemeinsame Bundesausschuss von Kliniken, Ärzten und Krankenkassen diskutiert im Bundestag den Vorschlag, einen pränatalen Bluttest auf Trisomie 21 in den Leistungskatalog aufzunehmen. Dieser kann ab der 12. Schwangerschaftswoche eingesetzt werden. Der im Jahr 2012 entwickelte und sehr einfach zu handhabende „Praena-Test“ war bis jetzt kostenpflichtig. Mit der Aufnahme in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen würde er zu einem kostenlosen Standardverfahren in der Geburtsmedizin, um Gendefekte am Ungeborenen festzustellen.

Bislang konnte das Down-Syndrom nur vermittels eines für das ungeborene Kind hochgefährlichen, weil invasiven Eingriffs festgestellt werden. Der leicht zu handhabende, von der Konstanzer Firma „Lifecodexx“ entwickelte Bluttest würde dagegen die riskante Fruchtwasseruntersuchung in der Vorstufe ablösen. Bei einem negativen Befund, könnte auf weitere Untersuchungen verzichtet werden. Ein positives Ergebnis des Praena-Tests enthält dagegen die Empfehlung, mit weiteren Diagnoseverfahren fortzufahren, um das Ergebnis hundertprozentig abzusichern.

Gerade die Unkompliziertheit des Verfahrens birgt jedoch seine Gefahr. Schwangere und auch Ärzte gehen mit diesem Test – gerade wegen seiner Harmlosigkeit – sehr viel unbekümmerter um als mit der gefährlichen Fruchtwasseruntersuchung. Denn das hochriskante Verfahren, schreibt der Arzt und Medizinethiker Giovanni Maio, setzt bei einer Schwangeren ganz andere (Vor)Denkprozesse in Gang als ein einfacher Bluttest. Eltern gehen behutsam heran und wägen genauer ab zwischen der physischen Gefahr, den Kosten und dem letztlichen Nutzen dieser Untersuchung. Auch beim heute schon erhältlichen Praena-Test verhinderte bislang der relativ hohe Kosteneinsatz, das ein Elternpaar privat tragen muß, daß er zum Routinetest wird. Nun erwägt der Bundesausschuss, ihn Patienten kostenlos zur Verfügung zu stellen und ebnet damit den Weg, ihn zu einem Standardverfahren in der Geburtsmedizin zu machen.

In dem Fall würde bei jeder Schwangerschaft, auch bei solchen mit unauffälligen Befunden, das Angebot im Raum stehen, das Kind im routinierten Schnellverfahren auf Gendefekte zu untersuchen. Eine Untersuchung, an die eine Schwangere ursprünglich aus dem Motiv, das Beste für ihr Kind zu tun, herangegangen ist, würde sie bei einem positivem Ergebnis unvorbereitet in eine schwere Krise stürzen. Hinzu kommt, daß der Bluttest erst nach der 12. Schwangerschaftswoche möglich ist, das heißt, wenn die Frist für eine straffreie Abtreibung abgelaufen ist. Ein positiver, mit einer Fruchtwasseruntersuchung abgesicherter Befund auf ein behindertes Kind führt dagegen fast immer zur Abtreibung. Bei Kindern mit Down-Syndrom bedeutet dies in der Konsequenz, die – besonders grausame – Spätabtreibung durchführen zu müssen.

Doch es gibt noch einen anderen, vergleichsweise schwerwiegenderen Aspekt, der bei der Frage, den Praena-Test kostenlos und standardmäßig anzubieten, sorgfältig mit bedacht werden muß. Dessen Risiko ist weniger medizinischer, sondern ethischer Natur. Denn ein routinemäßig durchgeführtes vorgeburtlichen Diagnoseverfahren wandelt sich fast immer von einem Angebot zu einem suggestiven Zwang. An Schwangere transportiert es die Botschaft, sich frühzeitig vor einem Kind mit Behinderung schützen zu müssen. An die Medizin dagegen enthält es die Aufforderung, immer einfachere und ausgefeiltere Methoden zu entwickeln, um nach Kindern mit Down-Syndrom und anderen Gendefekten im Mutterleib zu fahnden, sie auszusortieren und möglichst zu beseitigen. Es ist de facto nichts weiter als eine versteckte Eugenik, die gerade in der modernen Geburtsmedizin deren ursprüngliches Motiv, Mutter und Kind Hilfe und Heilung zuteil werden zu lassen, immer weiter zurückdrängt. Trisomie 21 ist eine endgültige Diagnose, die weder Schwangere noch Ärzte ignorieren können. Doch Behinderungen gehören wie alles andere zum Leben. Besonders am Down-Syndrom erkrankte Kinder können uns in ihrem unerschütterlichen Optimismus lehren, welche Fülle an Möglichkeiten das Leben bereit halten kann, wenn man es nur läßt. Ein standardmäßiger Test reduziert Ungeborene jedoch allein auf ihre Behinderung, ohne ihre einzigartige Beschaffenheit als Mensch und Individuum in den Blick zu nehmen. Da keine Heilung möglich ist, muß das Mängelexemplar Mensch folglich beseitigt und ein neuer Herstellungsversuch gestartet werden. Ist das unsere Vorstellung von einer humanen Gesellschaft?

Der Praena-Test zeigt eindrucksvoll das Janusgesicht der modernen Medizin. Sie ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits, weil sie in der Lage ist, durch spezielle Screening-Methoden Störungen im Verlauf der Schwangerschaft und der Entwicklung des ungeborenen Kindes zu diagnostizieren und Mutter und Kind rechtzeitig Hilfe zukommen zu lassen. Die moderne Geburtsmedizin rettet Gesundheit und Leben. Unzählige Mütter und deren Kinder können ihr deshalb dankbar sein.

Andererseits verkehrt sich die pränatale Medizin in ein Verhängnis, wenn sie beim Ungeborenen einen Defekt feststellt, den sie nicht beheben kann. Dann sieht sich die Schwangere unvorhersehens in einen schweren Konflikt gestürzt, den sie selbst kaum zu lösen beziehungsweise dessen Tragweite kaum zu überblicken vermag. In dieser schweren Stunde läßt der Staat die Schwangere jedoch faktisch allein. Denn die lax gehandhabte Praxis der Schwangerenberatung, die laut Gesetz eigentlich dem Schutz des Lebens dient, legt Müttern die Frage nach Leben oder Tod ihres Kindes selbst zur Beantwortung auf. Wie du dich auch entscheidest, bekommen die Frauen zu hören, es wird das Richtige sein. Die strikte Neutralität der Beraterinnen, mit denen sie der Schwangeren zu helfen meinen, entpuppt sich gerade bei der Diagnose Behinderung als fatal, in der die Hilfesuchende am meisten der unverstellten Sichtweise, des wohlmeinenden Rates und der moralischen Wegwarte Außenstehender bedarf. Denn in sehr vielen Fällen geschieht eine Abtreibung nicht freiwillig, sondern auf Druck des Partners und der nächsten Verwandtschaft. Es ist aber die Schwangere, die mit den negativen Folgen einer Abtreibung lebenslang fertig werden muss. Und oft, viel zu oft wird sie – nach ihrem Kind – zum zweiten Opfer des Tötungseingriffs.

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