INTERVIEW mit Prof. Dr. med. Hans Sachs: „Im Namen der Gleichstellung treibt man uns in die mutterlieblose Gesellschaft“

Häufig wechselnde Bezugspersonen bei einer permanent abwesenden Mutter können sich traumatisch auf die Entwicklung des Kleinstkindes auswirken. Die frühe Erfahrung des Mutterverlusts brennt sich ins kindliche Gehirn ein. Mit dem Ausbau der Krippenbetreuung riskiert der Staat deshalb massenhaft schwer gestörte Beziehungen in den Familien. Die negativen gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen sind immens. Zeit umzudenken, fordert der Lübecker Psychotherapeut Prof. Dr. med. Hans Sachs.

FS: Wie würden Sie als Psychotherapeut und passionierter Autor die Mutterliebe beschreiben? Warum ist Mutterliebe – nicht nur für das Kind – sondern auch für die ganze Gesellschaft überlebensnotwendig?

Wer starke Bindungen wie die Mutterliebe bedroht, die Gemeinschaft zerstören will, löst Angst aus. Sie wird immer abgewehrt mit Aggression, Flucht oder Verhaltensstarre, Grundmuster unseres reptilienartig reagierenden Stammhirns. Diese Zusammenhänge sind Teil einer Revolution im neurobiologischen Verständnis menschlichen Verhaltens, auch in der Mutter-Kind-Beziehung. Angesichts der Forschungsergebnisse des Neurowissenschaftlers Joachim Bauer ist Freuds Aggressionstrieb deshalb als großer Flop der Psychoanalyse zu werten.

Das natürliche Ziel mitmenschlichen Umgangs ist also Zuwendung, die Erfahrung von Liebe. Dieselbe neurobiologische Forschung hat herausgefunden, fehlende Zuwendung in der Frühkindheit schadet den Motivationssystemen. Vor allem wird die Fähigkeiten beeinträchtigt, mit Anderen in gutem Einvernehmen zu kooperieren.

FS: Deshalb sehen Biologen in der Mutterliebe auch einen der stärksten Triebe in der menschlichen Evolution.

Trieb wird heute innerhalb des Nervenzellsystems im Gehirn als Motivationssystem bezeichnet. Es stellt eine Handlungsabsicht dar, die auf die Ausschüttung sogenannter Wohlfühlbotenstoffe hin erfolgt. Diese Hormone sind Oxytozin, Dopamin, Opoide, Endorphine, Enkelphaline und Dynorhpine.

Die Motivationssysteme wollen Zuneigung und soziale Akzeptanz bewirken. So wird zum Beispiel Oxytozin dann produziert, wenn wir vertrauen, Zuwendung und Anerkennung erfahren, jargonartig wird es als Liebeshormon bezeichnet.

Die Systematik dazu hat Bowlby zusammen mit Frau Ainsworth in seiner Bindungstheorie und ihren Bindungsstilen und Bindungssignalen aufgestellt. Mit diesen „innner working models“ suchen wir alle Vertrautheit und Nähe zu Anderen oder wehren sie gleichzeitig ab, wenn unsere Früherfahrungen im Austausch mit der Mutter katastrophal gewesen sind.

FS: Was können solche katastrophalen Früherfahrungen beim Kind auslösen?

Normal ist ein „rupture and repair“, das heißt, eine Unterbrechung des guten Kontaktes zwischen Mutter und Kind und dessen Wiederherstellung mit dem nötigen „attunement“, zu deutsch: Feingefühl. Fatal sind traumatische Beziehungserfahrungen des Neugeborenen mit seiner Mutter, weil sie sich direkt in das kindliche Gehirn einbrennen.

Frau Ainsworth hat auch erforscht, daß je prompter die mütterliche Antwort auf die Signale des Kindes erfolgt, desto besser geschützt ist es vor der Erfahrung des Nichtbeachtetwerdens. Denn dies ist traumatisch und bedeutet eine Erfahrung von Angst, Hilflosigkeit und Erstarrung. Und bei anhaltender oder sich wiederholender Fehlhaltung steigert sich diese Angst in das Erleben eines Ich-Soll-vernichtet werden bzw. ich-soll-getötet werden!

Freud hat zwar gesagt, das Unbewusste ist das Infantile und lässt sich nicht verbalisieren und sprachlich durcharbeiten. Das Erlebte der präverbalen Lebenszeit der ersten drei Jahre wird dennoch wiederholt an den Menschen des Umfelds oder der Gesellschaft. Wiederholungszwang nannte er das. Dieses zerstörerische Prinzip ist die charakterliche Grundlage der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Deren zerstörerisches Wirken findet sich dann ubiquitär in der Finanzwelt, in der Politik (Kriege), der Umwelt (Klima), im mitmenschlichen Umgang (Scheidungen, Patchworkfamilien) etc..

FS: In Ihrem aktuellen Buch behandeln Sie die revolutionären Entdeckungen der Bindungsforschung und wie die Entwicklung der modernen Säuglings- und Kinderpsychologie zu einer veränderten Wahrnehmung spezifischer Bedürfnisse von Müttern und Kinder wie Familien führten. Vor allem aber ist Ihr Buch ein Plädoyer für mehr mütterliche Liebe, Zeit und Achtsamkeit im Umgang mit dem Wertvollsten, was wir haben: unseren Kindern. All das sehen Sie sehr aktuell bedroht und von wem.

George Orwell und Aldous Huxley haben in ihren Büchern „1984“ (1949) und „Schöne neue Welt, ein Roman der Zukunft“(1932) bedrückende Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens beschrieben. Sie sind nur möglich, wenn Individualität und persönliches Selbstsein zerstört wird, die normalerweise Ergebnis einer liebevollen Erziehung sind. Wie in der DDR und schon bei den Nationalsozialisten die frühkindliche Mutter-Kind-Beziehung vernichtet wurde und mit welchen psychologischen Folgen, dazu gibt eine überreichliche Literatur Belege. Ob die sich mehr und mehr verbreitenden Gender-Ideologie eine neue totalitäre Gesellschaft formen kann, ist noch nicht ausdiskutiert. Lieblosigkeit ist sozusagen das wichtigste Kennzeichen dieser Weltanschauung.

FS: Mit dem Begriff Gender verweisen Sie auf das von der Regierung massiv subventionierte Programm zur Gleichstellung der Geschlechter, das von den politischen Akteuren mit einer Art quasireligiöser Bedeutung aufgeladen wird. Sehr zum Schaden von Familien.

Gleichberechtigung ist ein Grundrecht einzelner Männer und Frauen gegenüber dem Staat, im Beruf und vor Gericht. Sie kann aber niemals durch eine Gleichstellung der Geschlechter im Erwerbsleben erreicht werden, es sei denn Gleichstellung von Erziehungsarbeit (Mutterliebe) und Erwerbstätigkeit wird politisch garantiert. Die alleinige Nur-Teilhabe am Erwerbsleben wertet die Erziehungsarbeit der Mütter beziehungsweise der Familien ab. Der Wert elterlicher Erziehungsarbeit wird unterschlagen, obwohl er die Grundlage unseres Rentensystems ist!

Es geht also nicht um gleiche Chancen bei der politischen Vorgabe der Gleichstellung, sondern im Gegenteil um Bevormundung der Mütter durch den Staat wie schon in der DDR. Johannes Resch hat das in seinem Beitrag „Die Gleichstellungslüge“ dargelegt (siehe https://www.rubikon.news/artikel/die-gleichstellungs-luge). Im Namen der Gleichstellung treibt man uns in die mutterlieblose Gesellschaft.

FS: Welche gesamtgesellschaftlichen Folgen sehen Sie auf uns zukommen, wenn die politisch erwünschte und intensiv propagierte Frühbetreuung in den nächsten Jahrzehnten massenhaft fortgesetzt wird (Stichwort Kitaplatzausbau)? Wenn eine immer frühere Fremdbetreuung sogar noch mit weiteren Instrumenten wie zum Beispiel die in der Politik bereits diskutierte Kita-Pflicht forciert wird?

Den Zusammenbruch bzw. die Zerstörung unseres staatlichen Gefüges. Deshalb hat die Pressestelle des Verbandes Familienarbeit 2018 zum Tag des Kindes eine Stellungnahme herausgegeben mit dem Titel „Kinder sind die Zukunft unserer Gesellschaft“. Darin wird zum Beispiel gefordert, Kinderkrippen für Kinder unter drei Jahren nur in Not-und Ausnahmefällen vorzuhalten mit optimalen Betreuungsmöglichkeiten durch einen hohen Personalschlüssel wie 2-3 Kinder pro Betreuer. Den vollen Wortlaut dieser Stellungnahme können Sie nachlesen unter http://familienarbeit-heute.de/?p=4965 . Da ich die darin enthaltenen wissenschaftlich fundierten Aussagen und die familienpolitischen Forderungen für absolut richtig halte, habe ich sie mit unterschrieben.

FS: Im Kapitel 6 Ihrer Monografie äußern sie die Befürchtung, dass Homosexualität in der Gesellschaft häufiger vorkommen wird, wenn die Trennungssituationen zwischen Kind und Mutter zunehmen und – parallel dazu – Väter sich aus ihrer Verantwortung für die Familie zurückziehen. Welcher Zusammenhang besteht zwischen homosexueller Lebensweise und einer Gesellschaft mit tendentiellem „Liebesmangel“?

Beachtenswerte Autoren haben immer wieder dargelegt, Homosexualität beruht auch auf einem fehlenden Vater, der emotional und tatsächlich als Freund seinem Sohn nicht verfügbar war, aus welchen Gründen auch immer. Die Suche danach kann erfolgreich sein. Das sollten alleinerziehende Mütter beachten, die glauben, ihrem Sohn alles geben zu können in der Erziehung. Ein Homosexuellen-Gen gibt es jedenfalls definitiv nicht.

FS: Der erfahrene Kinder- und Jugendpsychiater Alexander Korte warnt vor einem sowohl in Deutschland wie weltweit wachsenden Trend unter Kindern und Jugendlichen, sich im falschen Geschlecht zu fühlen und medizinisch behandeln zu lassen. Dazu passt die sprunghaft gewachsene Quote sogenannter gschlechtsangleichender Operationen seit Anfang des Jahrtausends. Sehen Sie hier einen Zusammenhang zu ihrer These eines generellen, gesellschaftlichen Muttermangels?

Die Betroffenen sind eine Minderheit mit einer Häufigkeit von weniger als 1% bis zu 5 % in einer Population. Die amerikanische Fachgesellschaft für Psychiatrie hat in ihrer 5. Edition des Verzeichnisses psychischer Erkrankungen (mental disorders) auch die Gender-Identy-disorder aufgenommen. Sie sieht diese Symptome auch unter diesem medizinischen Gesichtspunkt. Pubertät ist jedenfalls keine Krankheit und muss auch nicht medizinisch behandelt werden.

Diese Operationen hat John Money propagiert und sie gelten seitdem als wissenschaftliche Fundierung der Gender-Theorien und damit auch des Gender-Mainstreaming. Gender wiederholt hartnäckig, männlich und weiblich sind nur sozial konstruierte Rollen und deshalb beliebig veränderbar. Wissenschaftlich ist diese aus dem Behaviorismus von B.F. Skinner stammende These längst überholt. Skinner hat auch selbst gesagt, es geht um Macht!

FS: Prof. Sachs, angesichts Ihrer düsteren Diagnose für die Zukunft unserer Gesellschaft: Sehen Sie dennoch einen hoffnungsvollen Streifen am Horizont? Sind wir noch zu retten?

Ärzte müssen wohl immer Hoffnung auf Besserung verbreiten in ihrem Beruf und das habe auch ich gemacht und erlebt, dass dies tatsächlich hilft. Die Titelwahl ist auch gar nicht als Prognose gedacht sondern vielmehr als Beitrag zur aktuellen Diskussion um die beste frühkindliche Betreuung. Mutterliebe lässt sich nur leben, wenn dies politisch unterstützt wird. Geschieht das nicht, geraten wir in eine mutterlieblose Gesellschaft.

Das aktuelle Buch von Hans Sachs „Sind wir noch zu retten? Die politische Bedeutung der frühen Kindheit“ ist bestellbar beim Agenda Verlag: http://agenda.de/

Kommentare

  1. Carolus sagt:

    Das Schlimme heutzutage ist, dass diese richtigen Gedanken von der Nomenklatura nicht nur nicht zur Kenntnis genommen, sondern bekämpft werden; denn Familie und Nation sind den Globalisten ein Dorn im Auge.

    Hinweise ans Lektorat (n. veröff.):
    Opoide → Opioide
    Enkelphaline → Enkephaline
    Dynorhpine → Dynorphine

  2. In Ihrem obigen Beitrag ist ein Fehler enthalten. Der Link:

    https://familienarbeit-heute.de/?p=4965

    ist falsch. Es muss heißen:

    http://familienarbeit-heute.de/?p=4965

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